Zurückgespuhlt: Turbostaat – Das Island Manöver

„Deutschpunk“, so charakterisiert sich die Band Turbostaat auf ihrem Twitter-Account. Eigentlich hätte sie für die Beschreibung 140 Zeichen Platz, aber vielleicht liegt in der Kürze ja die Würze.

Turbostaat ist 1999 in Husum aus den „Überresten“ verschiedener Punkbands entstanden und feierte 2014 ihr 15-jähriges Jubiläum mit Konzerten, auf denen sie alle Songs aller Alben zum besten gaben. Gar keine schlechte Idee. Die Band setzt sich aus 5 Musikern zusammen: Jan Windmeier (Gesang), Tobert Knopp (Bass), Roland – Rotze – Santos (Gitarre), Peter Carstens (Schlagzeug) und Marten Ebsen (Gitarre).

Turbostaat in Action. Sänger Jan, Bassist Tobert & Schlagzeuger Peter beim Konzert in Rostock am 28.08.2015

Turbostaat in Action. Sänger Jan, Bassist Tobert & Schlagzeuger Peter beim Konzert in Rostock am 28.08.2015

Die Zutaten, aus denen die Alben in der Regel entstehen, sind kryptische Texte, die wohl oftmals nur die Band selbst versteht; Songtitel, die meist nichts mit dem Inhalt zu tun haben und ein recht düsterer, kantiger Sound. Sieht man sie jedoch auf der Bühne, merkt man, dass sie ganz und gar keine düsteren Gestalten sind. Sie lieben, was sie tun und sind undheimlich sympathisch in ihrer Art. Dass die große Berühmtheit bis heute „ausblieb“, macht ihnen wenig aus. „Lieber ein Stammpublikum, mit dem man sich hinterher noch locker unterhalten kann, als der Fame“, scheint ein bisschen die Mentalität der Band zu sein. Und leben können die 5 Husumer von ihrem Job allemal. Sie beteiligen sich nach wie vor am Auf- und Abbau der Instrumente und führen hinterher auch gern noch Gespräche mit dem Publikum. Wer hier aber nach der Bedeutung der Texte fragt, wird keine Antwort bekommen. Die Band erklärt sich nicht und lässt jedem Hörer Raum für eigene Interpretationen. Die in Interviews oft gestellte Frage, „Warum seid ihr immer so kryptisch“ wird wohl nie beantwortet werden. Es ist eben so, und es ist gut so wie es ist! Punk(t).

Ich möchte euch heute das Album vorstellen, mit dem ich die Band kennenlernte, bzw. sie das erste Mal wahrgenommen habe. Es heißt „Das Island Manöver“ und erschien 2005. Doch ich lernte sie erst viel später kennen. Genau weiß ich es allerdings nicht mehr. Im Radio lief „Pennen bei Glufke“, was auch der erste Song war, den ich von Turbostaat wahrnahm. Ich kaufte mir den Song damals sogar, aber es hat weitere Jahre gedauert, bis sich der Schalter endgültig bei mir umgelegt hatte. Schuld daran war eine Radiosendung namens freundliche Übernahme auf Radioeins, in der Arnim und Torsten von den Beatsteaks die Playlist bestimmten. Dort lief „Fünfwürstchengriff“. Der Song begeisterte mich sofort und tut es nach wie vor.

Nach besagter Radiosendung beschloss ich, mich mehr mit der Band zu beschäftigen, was eine wirklich gute Idee war. Da ich bereits 2 Songs vom Island Manöver kannte, war das auch das erste Album, was ich mir kaufte. Damals noch digital, später dann auch als mein erstes Vinylalbum von der Band. Mittlerweile besitze ich alle bisher erschienen Alben der Band auf Schallplatte. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag, an dem ich mir dieses Album kaufte, dazu aber später.

Folgende Songs befinden sich auf „Das Island Manöver“

A

  1. Kussmaul
  2. Surt und Tyrann
  3. Fraukes Ende
  4. Pennen bei Glufke
  5. Das Island Manöver

B

  1. Urlaub auf Fuhferden
  2. Fünfwürstchengriff
  3. Strandgut
  4. Bossbax
  5. Täufers Modell
  6. Oz Antep

Was bei Turbostaat direkt auffällt, ist die Detailverliebtheit der „Verpackung“ der Alben. Während der Produktion, so erzählte Marten mal in einem Interview, dass er bei der Produktion der Alben eher daran denkt, wie die Schallplatte am Ende klingen wird, und nicht daran, ob es sich am Ende auf mp3 gut anhört. Zu jeder Vinyl gibt es ein liebevoll gestaltetes Booklet, was man von CDs eher kennt und erwartet, da es ja dort Gang und Gebe ist. Nicht so jedoch bei Turbostaat. Beim Design ist zu erst die Überlegung, wie es sich für die Vinyl umsetzen lässt. Beim Island Manöver ist ein Büchlein enthalten, bei dem es zu jedem Songtext eine Illustration gibt. Das ist wirklich gut gelungen, wie ich finde! Damit wird die Vinylversion zu etwas besonderem und nicht zu einem „Nebenprodukt“ der Albumproduktion, weil „Vinyl boomt“. Für mich ist das ein großer Pluspunkt.

Cover und Beiheft zur Vinyl

Cover und Beiheft zur Vinyl „Das Island Manöver“, welches sich gerade auf dem Plattenteller dreht

Das Album an sich hat eine recht Düstere Ausstrahlung, es geht (meiner Meinung nach) oft um „Probleme“ und „Tod“und tragische Schicksale. Dennoch ist es kein Album, was den Hörer runterzieht, sondern viel eher mitreißt, vielleicht auch dazu anregt, sich über einige Dinge Gedanken zu machen.

Hier ein paar meiner Interpretationen zu einigen Songs vom Album (die wie eingangs schon erwähnt nicht genau DIE Bedeutung der Songs sein muss):

Da wäre zum Beispiel die alte Frau, die sich wünscht, dass sie jemand in einem Maisfeld umbringt, weil sie vielleicht selbst nicht den Mut hat, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Eventuell ist Altersarmut ein Grund dafür, denn es ist die Rede von einem gerbochenem Herz, (ist sie womöglich eine Witwe?), dreckigen Schuhen und einem zerissenen Rock:

Wenn der Sommer kommt
Erwürg mich im Maisfeld
Wenn sie wieder ernten wollen
Lieg ich im Maisfeld

Illustration zu

Illustration zu „Urlaub auf Fuhferden“ von Chriss Dettmer

Fünfwürstchengriff, ein Lied über die Verkrampftheit bzw. den Zwang im Leben einen gewissen Plan zu verfolgen, der sehr wahrscheinlich nicht den eigenen Vorstellungen entspricht. Der Protagonist hat nicht den Mut (oder die Kraft), dagegen anzugehen und nickt einfach alles ab, gibt sich geschlagen und seinem vermeidlichem Schicksal hin. Die Botschaft? Das Leben selbst in die Hand (Fünnf Würstchen = Fünf Finger) zu nehmen und auch mal ein Risiko einzugehen, denn sonst wird es langweilig und man selbst unglücklich.

Nickt der Kopf nur noch mit weil die Furcht alles ist
Und das Leben nur im Fünfwürstchengriff
Oder auch nicht!

Später in „Täufers Modell“ lernen wir Leo, einen Henker, kennen, der gezwungen ist seine Geliebte zu exekutieren, und wie er versucht damit zurecht zu kommen. Etwas, was man wohl nicht einmal seinem ärgsten Feind wünscht und bei der man am Ende durchatmet, weil sie Gott sei Dank ja nur Fiktion ist (oder auch nicht?)

Er schaut auf die Uhr
Führt die Liebe fort
In sanften Schritten zum Schaffot

Leo Leo Leo
Jetzt denk doch nicht nach
Ist nur Kopf ab Kopf ab Kopf ab Kopf
Und ab und zu im Schlaf
Kommt sie vorbei
Dann ist Zeit genug zum Glücklichsein

Ich denke es ist ein sehr gelungenes Album, was sich kritisch zu Themen des Lebens äußert, ohne dabei mit erhobenem Zeigefinger dazustehen. Es nimmt mit auf eine Reise durch verschiedene Leben, Schicksale und Begebenheiten. Ich würde nicht sagen, dass es mein Lieblingsalbum ist, aber es bedeutet mir viel, was auch mit der Begebenheit zu tun hat, wie ich es gekauft habe.

Ich stöberte in einem „meiner“ Plattenläden und begegnete dort eine Woche nach den Jubiläumskonzerten der Beatsteaks in der Wuhlheide Thomas Götz, seineszeichens Schlagzeuger meiner Lieblingsband. Ich konnte mich kurz für den Stick, den er mir in der Wuhlheide hat zukommen lassen, bedanken und er freute sich sichtbar über die paar lieben Worte. Ein wirklich sehr gelunger Tag und das nicht nur für den Moment, denn ich kaufte ein wirklich starkes Album, was meine Liebe zu Turbostaat endgültig besiegelte.

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