Licht und Schatten des Record Store Day

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„A Record Store is for life, not just Record Store Day“ (aus einem Cartoon von James Whitworth)

 

Ihr kennt das. Für alles und jeden gibt es einen Tag. So natürlich auch für die unabhängigen Plattenläden, bekannt als Record Store Day. Die Idee dahinter: Aufmerksamkeit für die mit Herzblut geführten Plattenläden, die in Zeiten von Media Markt, Amazon & Co Umsatzeinbußen zu verzeichnen haben (mehr dazu hier). Doch wie alles Gute, hat auch der Record Store Day seine Schattenseiten. Aber immer der Reihe nach.

 

Die Idee

 

Durch Sonderveröffentlichungen und Instore-Gigs verschiedenster Bands und Künstler soll die Aufmerksamkeit auf die unabhängigen Plattenläden gelenkt werden. Unabhängig bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sie kein Teil einer Handelskette sind. Bands und Lables veröffentlichen Sondereditionen, bei denen es sich u.a. um Neuauflagen alter Alben auf buntem Vinyl, Picture Discs, Compilations und Liveaufnahmen handelt.

Diese Veröffentlichungen sind dann am 3. Samstag im April eines jeden Jahres in den teilnehmenden Läden erhältlich. Mit einem bunten Programm mit Live Auftritten oder DJ-Sets sollen potentielle Kunden in die Läden gelockt werden.

 

Licht

 

Anhand einer vorher veröffentlichten Liste könne Interessierte sich vorher schlau machen, welche Platten exklusiv zum nächsten Record Store Day erhältlich sein werden.

 

Da die Platten wirklich NUR in den Läden und erst zum RSD erworben werden können, geht der Erlös der verkauften Platten an die Läden, während Onlineversandhäuser & Elektronikfachmärkte leer ausgehen.

Wer außerdem einmal im Laden ist, stöbert meist auch weiter in den regulären Releases. So nimmt man vielleicht noch die ein oder andere Platte mit.

Ergo: der Verkauf wird angekurbelt.

Somit machen viele der teilnehmenden Läden an einem Tag oft soviel Umsatz, wie sonst in einem Monat. Klingt doch erst einmal ganz gut, oder?

 

Des Weiteren wird Bands eine Plattform geboten, über die neue Fans & Kunden gewonnen werden können. Die VÖs der Bands werden meist parallel zu den Auftritten der Künstler verkauft. Dabei handelt es sich aber nicht zwangsweise um RSD Releases.

 

Schatten

 

Da der Record Store Day ein Internationaler Tag ist, bekommen nicht alle Plattenläden die gleiche Menge an einzelnen Platten, die meist streng limitiert sind. Manche Läden gehen leer aus oder erhalten nur eine ganz geringe Menge. In Deutschland nehmen allein 228 Läden an diesem „Feiertag“ teil, weltweit sind es wesentlich mehr.

Einige der Releases laufen über Major-Plattenfirmen, die natürlich auch mit am RSD verdienen wollen. Der Einkaufspreis der Sonderveröffentlichungen steigt mit jedem Jahr an, und da die Plattenläden auch an den Verkäufen verdienen wollen steigen natürlich die Preise für die Käufer ebenfalls an. Das sorgt beim Konsumenten oft für Unmut.

 

Besagte große Plattenfirmen veröffentlichen oft Reissues. Im Klartext bedeutet das, dass Alben einfach neu aufgelegt werden. Ob nun als Picture Disc oder in einer besonderen Farbe. Diese Neuauflagen sind oft „unnötig“, da ältere Auflagen meist gleichzeitig im freien Handel noch verfügbar sind. Zudem blockieren sie die wenigen noch existierenden Presswerke für neue Veröffentlichung.

Als Beispiel kann man hier „Never Mind the Bollocks, here’s the Sex Pistols“ nehmen. Das Album erschien 2015 als gelbe Picture Disc. 2016 erschien sie erneut, allerdings in einer anderen Farbgebung.

 

Das Hamburger Lable Grand Hotel van Cleef (kurz GHvC) beteiligt sich jährlich meist mit Neuauflagen der unter Vertrag stehenden Künstler als Picure Discs. Letztes Jahr gab es die Werke von Kettcar in einer Signierten Box. 5 Alben für 80€.
Dieses Jahr gab es Picture Discs unter anderem von Olli Schulz und Adam Angst. Die Platte der zuletzt genannten Band gab es für rund 18€. Sammlereditionen zu fairen Preisen gibt es also auch, aber leider ist das nicht die Regel. Zudem unterscheiden sich die Preise in den unterschiedlichen Läden meist, denn es gibt keine „Obergrenze“ oder etwas vergleichbares wie die Buchpreisbindung.

 

 

Und sonst

 

Den Record Store Day und mich verbindet eine innige Hassliebe. Ich bin der Ansicht, dass jeder Tag Record Store Day sein sollte. Ich kaufe meine Platten generell nicht bei Media Markt & co, sondern unterstütze lieber den lokalen Einzelhandel und die Menschen, die ihren Lebensunterhalt hinter Ladentheken in mal mehr mal weniger schummrigen und gemütlichen Läden verdienen.

 

Dennoch nehme ich meist am offiziellen RSD teil und besuche den ein oder anderen Laden. Im letzten Jahr habe ich mir unter anderem die Live Magnet EP der Beatsteaks gekauft, die ein wunderbares Stück gespeicherter Erinnerungen an die Creep Magnet Tour darstellt. Dieses Jahr habe ich die Adam Angst Picture Vinyl gekauft, obwohl ich die Standartversion schon im Plattenschrank stehen habe. Aber ich konnte für die 17,99 Euro einfach nicht widerstehen.

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Werde ich sie abspielen? Wahrscheinlich nicht. Es ist wahrscheinlicher, dass ich sie mir einrahme und an die Wand hängen werde.

So ergeht es übrigens nicht wenigen RSD Veröffentlichungen. Vielen dienen die Limitierten Platten als Geldanlage oder Sammlerobjekte, die geöffnet und abgespielt an Wert verlieren.

Leider wittern viele so das große Geld, kaufen die Releases, die dann oft sogar noch am gleichen Tag auf Ebay, Discogs & co landen. Meist zu noch gepfefferteren Preisen, als am Tag der Plattenläden selbst.

Doch ohne Licht gibt es auch keinen Schatten. Irgendwer wird immer versuchen das große Geld zu verdienen.

 

Ein Freund sagte mir , dass es schwer ist etwas zu boykottieren, was man liebt.

Er hat Recht. Ja, ich liebe Schallplatten in all ihren Formen. So werde ich wohl auch im nächsten Jahr zähneknirschend am Record Store Day teilnehmen, und Geld für Platten ausgeben, die ich eigentlich nicht wirklich brauche. Aber im Hinterkopf bleibt die Gewissheit:
EVERY DAY IS A RECORD STORE DAY.

 

& danach lebe ich.