Gisbert zu Knyphausen – Der Meister der Melancholie

Gisbert zu Knyphausen ist nicht nur studierter Musiktherapeut, nein er ist auch Studio- & Livemusiker für u.a. Olli Schulz und hat mit Nils Koppruch bis zu dessen Tod gemeinsam in einer Band namens Kid Kopphausen gespielt. Als Solokünstler (mit Band) veröffentlichte Gisbert bereits zwei Alben. Das Debut heißt „Gisbert zu Knyphausen“ , der Nachfolger trägt den Namen „Hurra! Hurra! So nicht.“

Mein Papa sagte einmal Gisbert würde schwere und kopflastige Musik machen. Vielleicht hat er Recht, aber mich berührt seine Musik, vielleicht gerade WEIL sie dazu anregt Dinge, Situationen und vor allem sich selbst zu hinterfragen.

Gisberts Musik ist geprägt von Melancholie, die jedoch immer einen Funken Hoffnung beinhaltet. Es scheint, als habe auch sie einen therapeutischen Ansatz. Man kann zu ihr weinen aber muss sich aber auch auf einige liebevolle Arschtritte seinerseits gefasst machen. Was mich persönlich auch sehr fasziniert ist seine Sprache. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und klingt doch niemals bösartig dabei. Ein wenig verbittert hin und wieder, das schon, aber man kann es ihm nicht übel nehmen. Er erschafft wunderschöne Bilder mit seinen Texten.

Sein Gesang ist manchmal die Stimme der Vernunft, manchmal ein Rettungsboot auf wilder See, treuer Begleiter und Erzähler von Geschichten, die das Leben schreibt. Dabei strahlt die Musik meist eine Ruhe aus, die sich auf den Hörenden überträgt, diesen an die Hand nimmt und wieder auf die Beine hilft.

 

Um euch Gisbert, falls ihr Ihn noch nicht kennt, etwas näher zu bringen, möchte ich euch ein paar seiner Stücke vorstellen.

 

In Spieglein, Spieglein hält der Erzähler dem Protagonisten einen Spiegel vor, indem er beschreibt, wie dieser nach außen auf sein Umfeld wirkt. Der Protagonist selbst scheint sich selbst ein wenig aufgegeben zu haben. Wir kennen das, in gewissen Zeiten geht es uns schlecht und wir fühlen uns schwach und hilflos. Wir sind auf unsere Schwächen fokussiert, die andere vielleicht gar nicht in dem gleichen Maße wahrnehmen, wie wir selbst. Wir brauchen es hin und wieder, dass uns jemand darauf aufmerksam macht, was wir uns selbst mit diesem Verhalten antun, wenn wir dabei sind uns selbst zu verlieren oder uns zu sehr auf das konzentrieren, was nicht funktioniert.

Und jetzt schau dich an.
Und sag mir dann:
Denkst du wirklich, du wärst so interessant
Wenn du dich suhlst in deinem Schmerz?
Bla, bla, bla… Ist es wirklich so toll,
Hilflos zu sein? Du bist so groß und machst dich selbst so seltsam klein.
Du bist immer so fixiert auf das, was noch fehlt.
Und jetzt schau nicht so gequält – das sieht scheiße aus…

 

Der Blick in deinen Augen, thematisiert die Kraft, die einem die Liebe geben kann, ganz egal sie sich in einer tiefen und innigen Freundschaft oder einer Liebesbeziehung äußert. Eine tiefe Verbundenheit gibt Kraft zu kämpfen, sich an neue Situationen zu gewöhnen und das Gefühl einen Zweck zu haben und bedeutsam zu sein. Selbst wenn vielleicht nur diese eine Person zu einem hält, ist dennoch so viel möglich und das Leben schön.

Der Blick in deinen Augen
sagt mir mehr über die Welt und das Glück
als die ganzen Philosophen
ich bin hier, weil du auch hier bist

ein Schritt in deine Richtung
gibt mir mehr das Gefühl irgendetwas erreicht zu haben
als eine steile Karriere,
bei der Bank oder so

 

Sommertag, ist ein Song, den ich persönlich gut nachempfinden kann. Der Mensch im allgemeinen denkt oft zu viel nach, grübelt über dieses und jenes und fragt sich, ob denn alles gut geht. Wenn die Sonne scheint, gelingt es mir vor allem oft diese Gedanken abzuschalten und einfach nur zu genießen. Das lässt sich auch daran erkennen, dass die Menschen im Winter oft schlechter gelaunt sind, als im Sommer.

Den ganzen Unsinn werd‘ ich nie verstehen.
Da hilft nur Einatmen und Vorwärtsgehen.
Es ist ganz einfach, es ist ganz einfach:
Das Leben lebt, es ist ein wunderschöner Sommertag.

 

Während das Erstlingswerk eine ziemliche Kraft besitzt, lässt das zweite Album es gelegentlich ruhiger angehen und ist im Allgemeinen von einer etwas dunkleren Atmosphäre, was aber in keinem Fall bedeutet, dass es schwächer oder schlechter wäre, als das Debutalbum des Sängers. Mir persönlich gefällt es sogar etwas besser.

 

Der Erzähler aus Grau, Grau, Grau lebt in einer tristen Stadt in einem tristen Leben und hat beides ziemlich satt, weshalb er nach Auswegen bzw. Einem Neuanfang sucht und dabei gegen die Tristesse anzukämpfen versucht. Wir werden Zeuge seiner Gedanken dabei. Gedanken, die viele kennen und selbst schon einmal selbst hatten, als sie sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befanden.

Ich will das nicht mehr
Ich wollte immer drüber steh’n
Jetzt steh ich mitten drin
Na so was
Und ich dreh mich im Kreis und sing
Über das ewige Licht
Die blitze ins Nichts
Und die ewige Frage wie soll’s jetzt weiter geh’n
Das weiß ich doch auch nicht

 

 

Laut Gisbert ist Kräne so etwas wie eine Liebeserklärung an die Stadt Hamburg. Das kann man zu einem Teil gewiss so stehen lassen. Der Song taucht dabei auch in die Gedankenwelt eines einsamen Bewohners der Großstadt ein. Es handelt sich hierbei um eines meiner absoluten Lieblingslieder von Gisbert, da er die Geschehnisse am Hamburger Hafen so wunderbar beschreibt.

Und ich warte auf den Abend
und seine kühlende Hand
unten am Fluss
mit den Füßen im Sand und den Blick

auf die gewaltigen Tiere
mit metallenen Krallen
mit Neonlicht-Augen
und die Container, die fallen
unter grandiosem Gepolter
in den hungrigen Bauch
eines uralten Frachters,
und mein Herz, es poltert auch.

 

Melancholie ist die Geschichte eines Menschen mit Depressionen, die hier als die Melancholie in Erscheinung tritt. Dabei wird sie wie ein eigenständiges Lebewesen behandelt. Ich finde dieser Song beschreibt das Leben mit einer mentalen Erkrankung wirklich wunderbar und gibt Hoffnung und Kraft, sich nicht einfach geschlagen zu geben.

Wo immer ich auch bin, du bist bei mir
Stehst da, so selbstverliebt und arrogant und grinst mich an
Voller Genugtuung streust du eine Hand voll Zweifel in mein kleines Glück
Doch bitte nimm sie zurück
Melancholie, nimm sie zurück

& die wichtigste und stärkste Zeile von allen:

Ach, fick dich ins Knie
Melancholie, du kriegst mich nie klein

 

Für mich ist Gisberts Musik so etwas wie die Stimme der Vernunft und ein guter Freund, der in Momenten des Zweifels die richtigen Worte findet, mich herausfordert und stärker macht. Ich hoffe sehr, dass es bald einmal ein neues Album geben wird.

 

Die von mir vorgestellten Songs findet ihr alle in dieser Playlist, viel Spaß damit!

 

 

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1 Comment

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    1. Juli 2016 at 15:34

    […] zu Knyphausen – Sommertag: Dieser Song fand auch Erwähung in meinem Beitrag zu Gisbert. Ich mag seine Musik sehr gern und Sommertag ist eben ein Gute-Laune-Song der […]

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