Interview: dna merch

Bandshirts sind aus dem Kleiderschrank vieler Menschen nicht mehr wegzudenken. Der Musikgeschmack und die Lieblingsband machen mittlerweile einen wichtigen Teil der Identität vieler junger Leute aus. So auch bei mir.

Doch woher kommt der Stoff und wer hat die Shirts genäht? Auf diese Frage gibt es nur selten klare Antworten. Sicher, mittlerweile setzt sich ein Bewusstsein für die Arbeitsbedingungen und die Herkunft der Produkte durch, aber reicht das? Fair Trade ist vielen Menschen wichtig geworden, vor allem in Zeiten von Kik, Primark & Co.

Unter anderem auch für Anton & Doreen, den Initiatoren von DNA Merch.

Die beiden haben es sich zur Aufgabe gemacht, wirklich Faires Merch an den Musikhörenden zu bringen.

Ende 2015 bis Anfang 2016 starteten Doreen & Anton eine Crowdfunding-Campagne, bei der besagtes faires Merch angeboten wurde. Fair bedeutet dabei, dass alle Menschen, die an der Produktion der Shirts beteiligt waren, fair für ihre Arbeit entlohnt wurden. Transparenz ist für die beiden dabei ein wichtiger Faktor:

Bands wie u.a. Feine Sahne Fischfilet & Turbostaat beteiligten sich mit Designs, die ausschließlich im Rahmen der Kampagne erworben werden konnten. Neben der Sache mit dem guten Gewissen war die strenge Limitierung der Shirts nur ein weiterer Anreiz, sich zu beteiligen.

Ich bin durch den Facebook-Post von Turbostaat selbst auf die Initiative aufmerksam geworden und freue mich sehr eines der Shirts in meiner Sammlung zu haben. Denn mal ehrlich: Wenn man sein Lieblingsbandshirt mit gutem Gewissen tragen kann, gibt einem das nochmal ein ganz neues Gefühl.

Ich durfte den beiden Initiatoren der Kampagne rund um ihr Projekt ein paar Fragen stellen. Viel Spaß beim Lesen!

Stellt doch bitte das Konzept hinter dna merch noch einmal in euren eigenen Worten dar!

Die Näherinnen

dna merch macht besondere T-Shirts. Zum einen was die materielle Qualität angeht, zum anderen was die Herstellungsbedingungen angeht. Unsere Shirts sind aus 100 Prozent indischer Biobaumwolle und werden in Kroatien in einer von den Näherinnen selbstverwalteten Kooperative ohne Boss genäht. Die Näherei ist zudem Teil eines größeren Community-Zentrums, das aus der lokalen Punkszene heraus entstanden ist. Mit einem Teil unserer Einnahmen unterstützen wir zudem Arbeiterinnen in Südasiens Bekleidungsindustrie bei ihren Kämpfen für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen.

Wie kamt ihr auf die Idee eine Initiative, wie diese, ins Leben zu rufen?

Doreen und ich arbeiten gerne möglichst selbstbestimmt! Dass wir jetzt mit T-Shirts handeln, ist nicht von langer Hand geplant gewesen, sondern hat sich über die Zeit so ergeben. Es gibt uns die Möglichkeit verschiedene Dinge zu verbinden: die Liebe zur Musik, politisches Engagement und das spannende Abenteuer eines eigenen Projekts bzw. Unternehmens.

Wie war euer beruflicher Werdegang, bevor es dna merch gab und könnt ihr selbst von der neuen Tätigkeit leben, oder ist es eher ein Nebenjob fürs „gute Gewissen“?

Wir haben in verschiedenen Berufen gearbeitet. Anton war mal Eventmanager, hat dann aber noch mal eine andere Richtung eingeschlagen. Zuletzt forschte er u.a. dazu wie sich Arbeitsbedingungen durch gewerkschaftliche Organisation entlang der globalen Produktionsketten verbessern lassen. Doreen hat umweltpolitische Jugendarbeit gemacht und in einem Planungsbüro für regionale Tourismusentwicklung gearbeitet. Zur eigentlichen Frage: Zur Zeit ist dna merch eher Hauptjob für’s gute Gewissen ohne dass wir davon leben können. Wir sind beide auf andere ‚Nebenjobs‘ angewiesen, um über die Runden zu kommen. Wir verfolgen aber ganz klar das Ziel von dna merch irgendwann leben zu können.

Was war bei der Organistation der Crowdfunding-Campagne für die limited Edition Shirts die größte Hürde, die ihr nehmen musstet bzw. wo gab es die größten Schwierigkeiten?

Oh, da gab es einige Hürden. Die Bands dazu zu kriegen mitzumachen und dann die Abstimmung der Designs, das zog sich alles teilweise ganz schön hin. Das ist auch ein Grund, warum wir bei der Fortsetzung der jährlichen Kampagne dieses Jahr vorhaben, mit weniger Bands an den Start zu gehen. Die neue Kampagne ist für Dezember geplant und es gibt auch schon die ersten Zusagen 🙂 Seid gespannt! Ansonsten waren natürlich die unvorhergesehenen Probleme mit der ersten Stofflieferung aus Indien auch nicht ohne für die Gemütslage. Aber das Schöne ist, dass wir das Projekt zu zweit machen und uns so immer wieder aufmuntern konnten. Vor allem Doreen spielt da mit ihrer positiven Art eine wichtige Rolle. Natürlich war aber auch die Zustimmung von all den Leuten da draußen motivierend, die uns trotz der Verzögerungen immer gut gesonnen waren.

 

Was war für euch als Initiatoren der schönste Moment bisher?

Schön oder sagen wir vielleicht eher erleichternd war es als kurz nach dem Start der Crowdfunding-Kampagne die ersten Bestellungen eingingen. Natürlich glaubten wir an uns und unser Vorhaben, aber die unmittelbare Bestätigung durch die Crowd war dann eine tolle und motivierende Bestätigung! Weitere schöne Momente bisher waren, als sich die ersten Bands und Künstler entschieden unseren Ansatz auch durch den eigenen Einkauf von T-Shirts zu unterstützen. Die Teilnahme an der Crowdfuning-Kampagne war ja für die Bands absolut risikofrei und kostete sie nichts. Im Gegenteil, dna merch bot ihnen die Möglichkeit mit ihren Namen eine gute Sache zu unterstützen, die zu ihrem Image passt. Friedemann, Stage Bottles, Feine Sahne Fischfilet und die Berliner Bookingfirma Anti-Pop Tourbooking sind denjenigen, die bisher bei uns kleinere T-Shirt-Auflagen in Auftrag gegeben haben und somit noch einen Schritt weiter gegangen sind.

 

Gab es vielleicht auch negative Kritik an eurem Projekt, mit der ihr euch auseinandersetzen musstet?

Nein. Jedenfalls nicht in dem Maße, dass das erwähnenswert wäre. Nicht so einfach war und ist es jedoch, Bands von dna merch zu überzeugen die bereits ‚fair‘ und ‚bio‘ unterwegs sind. Anzuerkennen, dass es zwar auf jeden Fall besser ist, zertifizierte Bio- und Fairtradeware zu kaufen, als zB bei KIK oder Primark shoppen zu gehen, aber trotzdem klar und überzeugend herauszustellen, dass mit der Zertifizierungsindustrie nicht die wirklichen Ursachen für Armut, Ausbeutung und unwürdige Arbeitsbedingungen bekämpft werden, ist gar nicht so einfach. Was meinen wir damit? dna merch ist für uns ja mehr als nur eine weitere T-Shirt-Bude. Unsere Vision ist eine Gesellschaft, in der gute und menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen eine Selbstverständlichkeit sind. Dazu braucht es unserer Meinung nach eine demokratische Wirtschaftsordnung und eine Welt, in der die Menschen solidarisch miteinander sind und ihre globalen Handelsbeziehungen gerecht und auf Augenhöhe abwickeln.

Wir finden, es muss viel mehr darum gehen, die Arbeiterinnen in Asien und anderen Ländern des globalen Südens als Menschen wie dich und mich zu betrachten und sich mit ihren Kämpfen zu solidarisieren, anstatt das Helfersyndrom anzuschmeißen und in ihnen nur arme ungebildete Menschen zu sehen, die sich nicht selber helfen können. Offen gesagt: Was uns nervt, ist das oft erzählte Märchen von der Verantwortung des Kunden und dass der Markt es ja nicht anders wolle etc. Und da machen sogar die eher fortschrittlicheren Unternehmen mit, indem sie suggerieren, dass du als Kunde ja die Wahl zwischen ‚fairen‘ und ’normalen‘ Shirts hast. Wenn du das ‚faire‘ Shirt kaufst, bekommt die Arbeiterin in Asien einen etwas höheren Lohn. In der Konsequenz heißt das aber: Wenn du oder ich keine Lust oder keine Extrakohle übrig haben, kriegt die Arbeiterin wieder ihren alten niedrigeren Lohn. Sie ist also abhängig von unserer Tageslaune bzw. was uns unser gutes Gewissen gerade wert ist.

Indische Arbeiterinnen bei Protesten für die Erhöhung des Mindestlohns im April 2016

Indische Arbeiterinnen bei Protesten für die Erhöhung des Mindestlohns im April 2016

Wenn die Löhne vor Ort allerdings durch kollektive Verhandlungen durch die Arbeiterinnen selbst erhöht werden und wir sie darin solidarisch unterstützen, dann ist es scheißegal was du oder ich für einen Tag haben, das Shirt kostet dann eben was es kostet! Und wenn ich’s mir nicht leisten kann, dann muss ich vielleicht auch mal wieder meinem eigenen Boss auf’s Dach steigen, damit ich mehr Geld in der Tasche habe. Das ist der Grund, warum wir mit einem Teil unserer Einnahmen das ExChains-Netzwerk supporten. Hier wird ganz praktisch echte Solidarität entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Asien bis in den europäischen Bekleidungseinzelhandel gemacht. In ExChains organisierte Basisgewerkschaften in Südindien haben dieses Jahr für die erste gesetzliche Mindestlohnerhöhung seit 12 Jahren gesorgt! Ein toller Erfolg für die Kolleginnen an des es gilt anzuknüpfen!

Wo seht ihr dna merch in 5 Jahren?

Ok, wir probieren’s mal 🙂 In 5 Jahren wollen wir uns mit dna merch als solidarische Alternative im Bandmerchandising etabliert haben. Für die Näherinnen-Kooperative in Kroatien sind wir der wichtigste Partner und unser freundschaftliches Verhältnis hat sich weiter intensiviert. Wir verfügen über eine loyale Community von Leuten, die Shirts aus unseren Eigenkollektionen tragen sowie eine ausreichende Zahl von Bands und Organisationen, die ihr Merch regelmäßig bei uns einkaufen, so dass wir von den Umsätzen über die Runden kommen. Die Arbeitsbedingungen in Südasiens Bekleidungsindustrie haben sich durch starke und unabhängige Basisgewerkschaften in einigen Bereichen weiter verbessert.

 Wer sich nicht bis zur nächsten Kampagne gedulden kann oder will, kann im Shop sowohl unbedruckte Shirts, als Shirts mit Motiven und Botschaften erwerben.
Hier mein persönliches Lieblings-Design der Eigenkollektion:

Lieben Dank an Anton & Doreen für das Interview und das Engagement.

Ich bin gespannt darauf, wohin und wie sich dna merch entwickeln wird und bleibe dran. Ihr hoffentlich auch!

Schaut doch mal bei Facebook oder auf der Webseite vorbei, dort findet ihr Informationen rund um das Projekt und bleibt immer auf dem Laufenden.

Ich lege derweil schon mal etwas Geld für die nächste Kampagne beiseite, denn nichts trägt sich so bequem, wie das Wissen etwas gutes getan zu haben.