Interview: Schrottgrenze

Pressefoto // Fotografin: Chantal Weber

(Pressefoto // Fotografi*in: Chantal Weber)

 

Ist das für Boys* und Girls* und alle In-between

das ist für alle mit Sternchen

die sich dem Hass hier stellen.

 

Auf ihrem aktuellen Album „Glitzer auf Beton“ nehmen Schrottgrenze uns mit auf eine Reise „einmal queer durchs Universum“ bis ins „Queer Love Country“. Das Album gibt allen Menschen der LGBTQI* Community eine Stimme, erzählt Geschichten & bietet Parolen für Liebe und Vielfalt.

Auf der Tour zum Album machten die Jungs am letzten Samstag Halt in Berlin, um im Musik & Frieden ein Konzert zu spielen. Ich traf Alex (Gesang) und Hauke (Bass)  zum Gespräch über die Reunion, das Album und die Community.

 

Wenn man jetzt mal die Werkschau außer Acht lässt, dann ist es ja 10 Jahre her, dass ihr eine Platte rausgebracht habt. Was hat sich für euch in der Zeit sowohl als Mensch, als auch in Hinsicht auf die Band verändert?

Alex: Superviel, da könnten wir jetzt ewig drüber reden. Also erstmal ist es ja so, dass wir als wir aufgehört haben Musik zu machen 2007 überhaupt keine Lust mehr hatten auf die Band. Der Unterschied zu jetzt ist, dass wir total Bock haben. Das hat sich durch einen Zufall ergeben, dadurch dass wir auf einer Geburtstagsgala von Freunden mal wieder so einen Überraschungsgig gespielt haben. Das sollte eigentlich eine einmalige Sache sein und da haben wir gemerkt, dass wir total bock haben und dann wurde daraus mehr.

Dann ist natürlich ein riesen Unterschied, dass Hauke im Zuge dieser Aktion zu uns gestoßen ist, weil unser ehemaliger Bassist mittlerweile im Ausland ist und das gar nicht machbar wäre für uns den immer einzufliegen, oder so und Hauke in unserem Freundeskreis am Start war und auch super in die Band passt und auch ganz andere Einflüsse mitbringt, als der alte Bassist zum Beispiel.
Noch ein Unterschied wäre sicherlich, dass die Thematik auf dem neuen Album, nämlich die Queer-Thematik, da ist, die ich vor 10 Jahren auch noch nicht so hätte formulieren können. Weil ich darüber auch noch gar nicht so viel wusste. Ich wusste zwar im Bezug auf mich, dass da was ist, aber ich konnte das noch nicht formulieren. Das so im Groben.

 

Um nochmal auf diese 10 Jahre zurückzublicken, jetzt wo ihr wieder Musik macht, was hat euch im Rückblick am meisten gefehlt?

Alex: Hat uns überhaupt was gefehlt ist ja die Frage. Also wir haben ja alle vier in anderen Bands viel Musik gemacht.. Die Musik hat uns so gesehen nicht gefehlt. Timo hat ja ne andere Band gegründet in der Zwischenzeit, die Band Tusk. Die haben mehrere Platten veröffentlicht und getourt. Hauke hat mit Frau Potz Platten gemacht und getourt. Ich hab mit Station 17 Platten gemacht und getourt und Benni das gleiche bei Jochen Distelmeyer. Von daher musikalisch waren wir immer alle sehr aktiv. Und wir hatten durchaus auch freundschaftlichen Kontakt zueinander. Eigentlich wars eher so, dass wir gedacht haben , jetzt mal ganz offen gesagt, die Band will eigentlich keiner mehr hören. Wir haben das erst im Laufe der Reunion-Phase mitbekommen, okay es gibt noch Interesse an der Musik. Gefehlt hat uns eigentlich nichts, aber jetzt wo wir die Band wieder haben, würde sie uns fehlen, wenn sie jetzt auf einmal wieder weg wäre.

 

Du hast schon mal in einem anderen Interview erwähnt, dass Glitzer auf Beton einen pinken Leitfaden hat. Warum ist das so und wie hat sich das ergeben bzw. warum war euch das so wichtig?

Alex: Es kommt natürlich ein bisschen aus meiner persönlichen Biographie. Ich hab mich irgendwann vor 6/7 Jahren im Grunde als Pansexuell geoutet und ich habe auch eine Affinität zu einem femininen Auftreten. Das heißt ich bin öfter als Drag unterwegs. Ich variiere da auch in verschiedenen Stufen. Mal gehe ich komplett als Frau und mal, so wie heute, nur mit Schminke. Das ist etwas, was ich in der Zeit, in der wir Schrottgrenze nicht gemacht haben, angefangen habe sehr intensiv auszuleben. Erst einmal auf privaten Veranstaltungen, wodurch ich Leute in der Hamburger Szene kennengelernt habe. Dann war ich mehr auf Szeneevents und dann habe ich irgendwann meine eigene Szeneparty organisiert und dann war das auch ein wichtiger Bestandteil in unserem Freundeskreis, zu dem die Jungs in der Bandpause auch immer gehörten und auch immer mit auf den Parties waren, sodass es irgendwie auch auf der Hand lag, zu dem Thema mal etwas zu machen. Trotzdem waren wir da auch sehr vorsichtig, weil es gibt dazu noch nicht so viel Popmusik bzw. Rockmusik. Hip-Hop schon und Hardcore auch. Wir wussten jetzt auch nicht so genau, wie wir das machen würden. Daher haben wir auch wirklich lang rumprobiert, bis wir die Platte so fertig hatten, dass wir uns sicher waren: So kann man das auch wirklich präsentieren. Das kommt so rüber, wie es auch ist. Das ist jetzt nicht eine neue Schiene mit der man so wedelt und sagt: Hier die Band hat jetzt einen neuen Promo-Leitfaden. Darum ging es uns eben nicht. Wir wollten was machen, was aus unserem Lifestyle kommt.

 

Mit der Platte positioniert ihr euch ja eindeutig auf der Seite der LGBTQI* Community und der Vielfalt. Das polarisiert leider in der heutigen Zeit ja immer noch sehr. Ich kann mir vorstellen, dass ihr nicht nur positive Rückmeldungen darauf bekommen habt. Was war denn vielleicht etwas negatives, was euch jemand an den Kopf geworfen hat und was war vielleicht die schönste Rückmeldung, die ihr bekommen habt?

Alex: Ich würde dir da total Recht geben, dass das nicht überall akzeptiert ist, aber unsere Erwartung, dass auch viel Negatives kommen könnte, ist nicht eingetreten. Es gab tatsächlich aus unserem Bekanntenkreis, aus dem näheren Bandumfeld, eins, zwei Rückmeldungen, die zwar nicht offen negativ waren, aber die sich durchaus davon distanziert haben und gesagt haben: ‚Die aktuelle Phase’, was uns auch sehr verletzt hat, ‚gefällt uns nicht.’ Das war so das Negativste, zumal das auch jemand war, der wirklich ein Freund von uns ist. Das ist dann natürlich besonders bitter. Das war so das low-light.

Ansonsten überwiegt aber wirklich sehr das Positive in jeder Hinsicht. Auch bei den älteren Zuhörer*innen muss man sagen, dass es eigentlich extrem positive Reaktionen hervorgerufen hat. Auch Leute, die jetzt selbst in dem Alter sind, wo sie schon Kinder haben, die dann auch mitbringen auf die Konzerte, weil die Kinder die alten Songs kennen, weil die zuhause immer laufen, und die neuen Songs finden die Eltern dann auch wertvoll in so einer Zeit wo Positionierung etwas seltenes ist in der Popmusik. In diesem Aspekt der Queerness. Da haben wir gemerkt, dass kommt auch echt gut an.

 

Genau, bei mir zum Beispiel. Auf dem Album gibt es ja nicht nur selbstgeschriebene Songs, sondern auch diese eine, ich nenne es mal Coverversion, wobei es ja vielmehr eine Übersetzung ist: Seit Gestern. Was hat dich dazu inspiriert diesen Song zu übersetzen und zu interpretieren?

Alex: Die Künstler*innen, die das gemacht haben, Strawberry Switchblade heißt die Band, hören wir ganz gerne. Ich liebe die Solo-Platten vonRose McDowall ,das ist ein Song der lief immer viel bei uns, während wir die Platte auf genommen haben immer im Original. Irgendwann kam die Idee ‚Mensch, wir könnten ja eine Coverversion davon machen, auf Deutsch.’ Und das haben wir dann einfach gemacht. Das war mehr ein spontanes Ding, was jetzt nicht so überlegt war, aber ein Fan Tribut kann man sagen.

 

Das Artwork der Platte möchte ich gerne auch noch ansprechen, weil mich das sehr fasziniert hat. Man sieht diesen Menschen, der quasi aus sich selber herausbricht. Für mich hat es etwas mit dem Inneren Coming-Out zu tun. Im Sinne von sich selbst zu akzeptieren, sich selbst zu finden und sich selbst auszuleben. Das wäre meine Interpretation, was habt ihr euch dabei gedacht?

Cover zu „Glitzer auf Beton“

Alex: Das war ja auch ein bisschen deine konzeptionelle Idee

Hauke: Genau. Mit der Künstlerin zusammen, die das gemacht hat. Mel Pfau heißt die. Wenn man eine Platte macht, versucht man das Artwork möglichst knallig zu gestalten. Ich weiß, wir haben über den Bowie-Blitz gesprochen und so einen Wiedererkennungswert hätten wir auch gern gehabt, oder haben wir jetzt. Dann haben wir überlegt und der Titel der Platte „Glitzer auf Beton“ stand schon fest. Dann kam nach und nach die Idee wir nehmen jemanden aufs Cover, irgendeine Person. Da sollte dann auch Beton auf dem Gesicht sein, vielleicht erkennt man das ja gar nicht?

Dass es etwas härteres als Haut ist, das kann ich schon erkennen. Für mich sieht das mehr aus wie die Häutung einer Schlange.

Hauke: Das ist ne super Interpretation, da freuen wir uns auch total drüber.

Alex: Das Gute ist eben auch Mels Entwurf, den sie da geliefert hat. Die beiden haben da am Küchentisch drüber diskutiert und ich saß dann so daneben. Dann meinte Mel ‚Mensch, Alex wenn du eh den Plan hast mehr mit Make-Up zu machen um die Texte auch visuell zu unterstützen oder auch deine Identität mehr auf die Bühne zu bringen, das ließe sich doch prima machen, dann nehmen wir dich als Model.’ Ich dachte mir, dass ist vielleicht ein bisschen gewagt, weil wir sind ja eigentlich eine Band und wenn dann nur einer vorne drauf ist, dann ist es für mich zu wenig Band. Sie hat das dann skizziert und dann war das für uns die optimale Idee. Außerdem ist da so viel Spielraum zur Interpretation drin, weshalb es dann schon total viele Interpretationen von Zuschauern gab, was uns natürlich total freut. Die Thematiken der Platte sind irgendwie alle drin. Das einzige, was wir hinterher noch festgelegt haben waren die Farben. Ich wollte unbedingt Pink mit drin haben, weil das eine meiner Lieblingsfarben ist und sie für mich für den Aufbruch steht und für das Auflösen von Männlichkeitsbildern, dass gerade unsere Platte so super Pink ist, das finde ich wichtig. Wir sind ja keine Barbiepuppe, die man kauft, sondern wir sind eigentlich ein gegenteiliges Produkt, das eigentlich für etwas ganz anderes steht, nämlich ne Jungsband.

Ich persönlich kann mit Pink als Farbe nicht so viel anfangen…

Alex: Auch biographisch bedingt?

Ja, unter anderem weil ich mich so gar nicht als Frau oder Mädchen empfinde und identifiziere. Ich frage mich immer ‚Warum muss denn alles was irgendwie mit Mädchen zu tun hat Pink und warum darf man als Mädchen nicht einfach auch blau geil finden?’ Farben definieren doch nicht das Geschlecht eines Menschen. Aber ich habe die pinke Platte zu hause und ich mag das gesamte Artwork sehr gern, auch wenn ich mir nichts Pinkes anziehen würde.

Alex: Wenn du jetzt konkret nach der Idee dahinter fragst, war es meine Idee dabei dieses Gendermarketing komplett aufzulösen bzw. einmal komplett umzudrehen. Weil die Leute von einer Band wie uns, die jetzt nach außen hin männlich konnontiert ist, auch nicht alle Identitätsfacetten sehen. Das Problem habe ich ja im Alltag auch, wie alle die inbetween, oder trans* oder nonbinär sind. Gerade um da mal zu irritieren um zu sagen da kommt jetzt ne Rockband mit einer ganz pinken Platte, SO FUCK IT!

Hauke, inwiefern unterscheidet sich für dich persönlich das Musizieren, das Songwriting mit Schrottgrenze im Gegensatz zu Frau Potz? Zumal das auch eine andere Musikrichtung ist.

Hauke: Ja total. Der Unterschied ist einfach, dass bei Schrottgrenze andere Leute da sind, die andere Einflüsse reinbringen. Wir haben die Schrottgrenze-Platte zu viert zusammen geschrieben. Das war bei Frau Potz nicht immer so. Da gab es andere Vorgehensweisen. Bei Schrottgrenze ist das super offen gewesen. Da hat jeder mal etwas mitgebracht, jeder hat mal eine Idee eingebracht und sowohl musikalisch, als auch textlich wurde das alles zu viert diskutiert und hin und her geschoben, bis es halt für uns alle vier total cool war. Das ist so der große Unterschied.

Alex: Da frage ich nur mal interessehalber nach, weil darüber sprechen wir auch so super selten: Wie wars denn bei Frau Potz, da gab es eigentlich einen Hauptsongwriter, Felix?

Hauke: Richtig.

Alex: Du hast aber auch Sachen geschrieben? Es gab ja auch Songs, die du geschrieben hast.

Hauke: Ja, das war aber eher so: Das ist ein Song von Felix, das ist ein Song von Felix, das ist ein Song von mir usw.

Alex: Das war so erratisch von einander getrennt?

Hauke: ja. Der Songwritingprozess war unter uns (=Schrottgrenze) vieren aufgeteilt.

Also von jedem mehr dabei?

Hauke: Richtig

Abschließend würde ich gern noch wissen, was bei euch privat gerade für Musik läuft?

Alex: Das ist so vielfältig. Wir hören im Tourbus gerade ein buntes Potpourri. Ich kann heute mal Revue passieren lassen. Eine der Lieblingsbands von Timo unserem Gitarristen sind die Rolling Stones, da lief heute das Album Emotional Rescue. Unser Tontechniker und auch ich und auch Hauke hören gerne die Band Tangerine Dream. Wir hören auch viel aktuellen Hip-Hop: Sookee, Haiyti auch mal so Schweinkram wie Moneyboy, also Sachen, die ein bisschen lustig sind.

Hauke: Heute im Bus lief auch noch Bad Religion.

Alex: Stimmt, wir hören auch so Klassiker, die vor 20 Jahren schon bei uns liefen und die wir jetzt wiederentdecken. An manchen Tagen eben auch Progressive Rock, auch mal ne Runde Genesis. Das würden die Leute vielleicht jetzt nicht denken, aber wir hören uns einmal quer durch den Kosmos.

 

Ich danke der Band für die Platte und besonders Alex & Hauke dafür, dass sie sich Zeit genommen haben.

 

Lieb doch einfach wen du willst

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply