Musik und Revolte I

Revolte ist der Zustand, welcher auf handfeste Art und Weise ein Unwohlsein zum Ausdruck bringt. Die Revolte setzt Zeichen, die vor allem im kollektiven Unterbewußtsein ihr Heim finden können. Die Musik der letzten Jahrzehnte ist ein lebendiges Museum dieser Zeichen geworden und daher werde ich mich auf die Spuren einiger dieser Zeichen machen.

Wenn dem Thema des Titels „Die Revolte in der Musik“ in einem TV-Special nachgegangen wird, läuft die zugehörige Sendung meistens auf ARTE (was kein Vorwurf sein soll), und in den ersten fünf Minuten wird der Zuschauer meist mit später in einem größeren Zusammenhang wiederkehrenden Aussagen zugedröhnt, die an diesem Punkt der Sendung jedoch nur eines wollen: IHRE AUFMERKSAMKEIT! (Ich hätte die Schriftgröße noch ins Maßlose anpassen können) Dazu läuft Musik aus der Zeit rund um das Jahr 1968 im Hintergrund… „Satisfaction“ von den Rolling Stones, der Anfang von „Revolution“ der Beatles (natürlich die Singleversion, die kommt gleich besser auf den Punkt), oder auch mal ganz progressiv „Kick out the Jams“ von den MC5. Mindestens einmal sieht man Jimi Hendrix mit einer brennenden Gitarre.

Sorry, aber das ist alles spätestens seit Ende März 1969 nur noch langweilig. Denn an diesen Songs und Bildern hat inzwischen jeder gelutscht. Sie sind ausgelaugt. Zeit für was Neues, oder? Denn Revolte ist auch im Jahr 2017 noch ein Thema und wird es auch noch sein, wenn alle Leser dieser Zeilen schon lange tot sind.

Wo stammt die Verbindung dieser beiden Themen her? Die Antwort erscheint zunächst sehr einfach, denn es ist der musikalischen Untergrund, der hier als Mutter der Revolte genannt werden darf. Untergrund meint hier die Welt der sogenannten einfachen Leute, die arbeitenden Massen, die Bauern, Jäger, Baumwollpflücker. Und damit ist schon der Blues angesprochen, aus welchem sich später die revoltierend erscheinende Rockmusik mit großer Wucht speisen sollte. Ein schönes Bild bietet dazu alleine schon der Halbsatz „oh, what can a poor boy do“, den die Rolling Stones in ihrem „Street Fighting Man“ verewigten, der in jeder Ader dieser Phrase vom Blues und seinen Wurzeln im Elend der Ausgebeuteten erzählt und dem Hörer Bilder anbietet, die sowohl aus den ruralen Südstaaten des 19. Jahrhunderts stammen können, wie auch aus den verrußten Arbeiterstädten Großbritanniens zur Blütezeit jener Rolling Stones. Diese Band bediente sich, wie auch andere Zeitgenossen von der britischen Insel, diesem schwarzen Erbe, um daraus ihre eigene Unzufriedenheit mit den Umständen zu destillieren. Da die Rolling Stones jedoch auch Hedonisten von Rang und Namen waren, eignen sie sich nur sehr bedingt für eine weiterführende Untersuchung über das Thema Revolte und Musik. Wenn wir uns in jenen 1960er Jahren etwas weiter umsehen, stoßen wir auch schneller im Bereich des Jazz auf Menschen, die jenseits der auch dort um sich greifenden Lust nach dem schönen Leben (Miles Davis als Leuchtturm, sowohl als Bovivant, als auch als musikalischer Umstürzler), ihren Unmut in Musik ummünzten und das entgegen des Mottos „never judge a book by the cover“ auch schon auf dem LP-Umschlag dem Konsumenten entgegenwarfen: Der Schlagzeuger Max Roach schuf mit der sogenannten Freedom-Now-Suite unter dem griffigen Titel „We Insist!“ ein sehr kerniges und teils auch frontales Werk eines fundamental empfundenen Zorns.

we insist!

(Cover der LP „We Insist!“ von Max Roach, 1960)

Das in diesem Zusammenhang unbedingt direkt mit zu erfassende Cover des Albums zeigt drei People, die sich zur Kamera hinwendend, an einer Theke sitzen. Im Hintergrund putzt ein weißer Barmann Gläser. Die Fotographie entstand während der Sit-In-Demonstrationen in Greenboro, North Carolina, im Februar 1960, die sich gegen die Diskriminierung afro-amerikanischer Bürger in den Imbißlokalen der Woolworth Geschäfte auflehnte. Die drei Herren im Vordergrund strahlen eine sehr direkt wirkende, zeichensetzende Energie aus: „Wir sind hier. Wir bleiben hier.“ Der Barmann im Hintergrund wirkt, als vertraue er, daß der Verlauf der Zeit die Ordnung wiederherstellen wird.

Die Musik schüttelt jedes Zögern, jede Unsicherheit, jedes Vertrauen auf die Rückkehr alter, diskriminierender Ordnung ab. Dazu braucht es nur das energische Schütteln eines Tamburin, gefolgt von der festen Stimme Abbey Lincolns, welche die Sängerin in den folgenden fünf Stücken ist. Hier steigt sie in das sehr stark von den Wurzeln des Field Hollers geprägten „Driva‘ Man“ ein. Ein Stück, in welchem jeder Schlag des Tamburin zu Beginn, einem Peitschenhieb gleichgestellt wird, was auch durch den Text („when his cat o’nine tail fly, you’d be happy just to die“) unterstrichen wird.

Abbey Lincoln hat generell eine sehr tragende Rolle in diesen Stücken, obwohl – wie im Hard Bop jener Tage eigentlich eher üblich – instrumentale Passagen überwiegen. Dabei lebt sie durch ein sehr weites Gefühlsspektrum, daß im „Triptych“ betitelten zentralen Stück des Albums seinen Höhepunkt erreicht. Am Gospel geschult, aber wortlos, zerrt Ms. Lincoln den Hörer über stimmlich noch gut befahrbare Einfallstraßen („Prayer“) in das Zentrum eines höllischen Lebens („Protest“), in einen Zustand, der sich für meine Ohren katatonisch anhört („Peace“).

Der generelle Sound des Ensembles von Max Roach ist weitestgehend karg, getragen und perkussionslastig. Trauer, wie in „All Africa“, ein klagendes Duett von Abbey Lincoln mit dem Trommler Olatunji, und „Tears for Johannesburg“, hat ihren Platz in der Musik, so wie sie im Gesicht des linken Mannes auf dem Cover zu erahnen ist.

Wo finden wir nun die Revolte in dieser Musik? Wo ist der Unterschied zu einer einfachen Protestmusik? Die Frage beantwortet sich schon in der Wahl des Coverfotos, welches unter anderem auch dazu beitrug, daß Max Roach in der Folgezeit von einigen Labels boykottiert wurde, beantwortet. Die nicht diskutable Unterstützung der Sit-In-Bewegung war ein mächtiger Fingerzeig in die Richtung einer notwendigen und handfesten Änderung der Umstände, unter welchen die schwarze Bevölkerung in jener Gegenwart leben mußte. Passend dazu war, wie schon erwähnt, der Sound oft spartanisch und höchst transparent.

Einige Aspekte dieser LP mögen heute nicht mehr nachvollziehbar sein, doch es steckt dennoch eine große Kraft in diesem Werk, das auch noch im Jahr 2017 zu inspirieren weiß.

(Anmerkung zur Spotify-Playlist: Die ersten fünf Stücke sind die Titel der Original-LP, hier unter dem Namen Abbey Lincoln getagt)