PiL – Metal Box: eine persönliche Erinnerung

Es gibt sicherlich bessere Platten aus den Jahrzehnten der modernen Musikkultur, als das zweite Album jener Band, die sich Public Image Ltd. nannte und denen John Lydon als Sänger vorstand, der noch zwei Jahre zuvor als Johnny Rotten Teil der Sex Pistols war und gleichzeitig ein Albtraum großer Teile der britischen Gesellschaft.

Doch gehört „Metal Box“ zu jenen wenigen Musikereignissen, die sich tief in die Erlebniswelt eines Konsumenten eingraben können. Jahrelang hatte ich selbst diese Platte gejagt. Wollte ich doch Vinyl, nicht dieses digitale Wegwerfprodukt in einer Hartplastikverpackung (obwohl 1990 tatsächlich eine limitierte CD-Veröffentlichung in einer Metallschale auf den Markt kam). Und Vinyl war teuer, vom ersten Moment an, als ich das frühe Internet für die Suche auf den Second-Hand-Markt entdeckte. Um so glücklicher war ich, daß 2006 ein nach originalem Muster geschaffener Re-Issue in Form einer Filmdose mit 3 Vinyl-Scheiben durch 4 Men with Beards veröffentlicht wurde.

metal box

(Cover der LP „Metal Box“ von PiL, 1979)

Wenn sich der Hörer der Platte nähert, wird vom ersten Moment die Spreu vom Weizen getrennt, denn der Opener „Albatross“ zieht sich über mäandernde zehn Minuten und zerrt dabei an jedem einzelnen Nerv eines Hitradiohörers. Der Sound gibt sich gerne unerträglich, die Mitten des Klangspektrums sind völlig ausgelöscht, Bässe und Höhen geben den Ton an, die Hi-Hat zischt böse und im Zentrum windet sich Herr Lydon unter dem inneren Druck des Albatros, der ihm im Genick sitzt, und vielleicht das Erbe seiner vorherigen Band ist. Vielleicht. In jedem Falle entledigte sich die gesamte Band (John Lydon – Stimme, Keith Levene – Gitarre, Jah Wobble – Bass und drei Schlagzeuger) auf dieser Platte jedweden Rock’n’Rolls. Auf dem Vorgänger, „First Issue“, hatte gerade die Debütsingle „Public Image“ noch richtig Druck gemacht auf althergebrachte Weise, die selbst Fans von Lydons vorheriger Band noch gefallen konnte. Die restlichen Stücke wurden auch hier schon zu einer gelungenen Probe für die Belastbarkeit jeder künstlerichen Toleranz, doch geht die Band in dieser ersten Eigenproduktion noch nicht so weit, das Klangbild auf ein letztes Skelett auszuhöhlen. Die Farbe von „Metal Box“ ist Weiß, klirrendes, strahlendes, verschlingendes Weiß. Die Box liegt kalt in der Hand. Sie wird nur mit Kraftaufwand geöffnet. Wer diese Musik hören will, der muß erst diesen Widerstand überwinden.

Und so zieht weiterhin der „Albatross“ am Himmel und ich habe 2006 die Dose geöffnet und sehe drei blanke Schallplatten und einen Infozettel. Um den noch relativ neuen mp3-Player von Creative (gibt es die noch?) zu bestücken, werden mit dem ersten Abspielen die Vinyls direkt digitalisiert. Später am Abend möchte ich noch ein Konzert besuchen, auf der Fahrt dorthin soll die neue Musik weiter gekostet werden.

Wer den Werdegang von John Lydon ein wenig unter die Lupe nimmt, wird problemlos feststellen, daß für den irischstämmigen Sänger zwei musikalische Richtungen für sein Post-Pistols-Schaffen Einfluß wurden: Reggae, vor allem Dub, und Krautrock. Und so kann es nicht sehr verwundern, wenn festgestellt wird, daß schon die Gitarrenarbeit von Steve Jones bei den Sex Pistols massiv durch den Song „Hero“ der Düsseldorfer Combo Neu! beeinflußt wurde. Auch „Albatross“ wirkt wie eine Version des Neu!-Stücks „Hallogallo“, der jedoch die Amphetatime und Ibuprofene entzogen wurden. In diesem Stück erregt die Gitarrenarbeit von Keith Levene starke Schmerzerinnerungen. Dieser Hörer selbst wurde immer wieder an die Zahnarzt-Szene aus „Der Marathon-Mann“ erinnert, und die dort wiederholt gestellte Frage, „is it safe?“, kann auch in den Mund des Gitarrensounds gelegt werden, zerstört jener aber eher die inneren Sicherheiten auf Konsumenten-Ebene. Damit sollten wir uns nun den zentralen Stücken der LP widmen.

Das soll jedoch nicht heißen, das der Rest nur belangloser Schall wäre… nein, ich werte hier nach persönlichem Erschütterungsgrad und die folgenden vier akustischen Beben hinterließen die größten Schäden: „memories“. „poptones“. „careering“. „swanlake“.

Hierzu sollte nur kurz angemerkt werden, was in den bisherigen Autobiographien Mr. Lydons zu lesen steht: In jenen Tagen starb die Mutter an Krebs, und der Sänger mußte sich durch die üble Trennung seiner Ex-Band quälen, teilweise vor Gericht.

Der Titel „memories“ mag hier möglicherweise dem Manager der Sex Pistols, Malcom McLaren, gewidmet sein, doch spielt dies keine wirkliche Rolle. Es ist nicht der Text, der ein Gegenüber mit Schimpf und Schande überseht, der den Hörer wirklich ergreift, es ist vielmehr die unglaubliche Hektik, die durch Musik und Gesang erzeugt wird. Dabei spielen die Gitarren eine radikale Hauptrolle, sind sie entweder hintergründig einhergeschrammelt oder winden sich schlangenbeschwörend durch ein Harmoniespektrum, das wirklich nur Keith Levene bekannt gewesen sein kann. Auch John Lydon strengt sich an, wie ein frei einherspielendes Saxophon im Sinne Ornette Colemans zu klingen, weswegen – wie geschrieben – weniger die Worte, als vielmehr die Art seines Vortrags Spuren hinterläßt. Innerhalb kurzer Zeit kann dieses Stück eine knallige Paranoia erzeugen, da auch der Beat oft im Off und in Geschwindigkeit eines Puls unter Belastung wummert. Dazu kommen noch die zufällig eingestreuten kleinen Lücken in diesem Chaos, bei denen das Herz stehenbleiben möchte.

An jenem Abend in 2006 mag „memories“ vielleicht der Auslöser gewesen sein. Ich war von zu Hause losgefahren, vielleicht 20 km zurückzulegen. Musik lief laut, und kroch langsam in meinem Unterbewußtsein voran, bis ich durch eine Allee in die nächste Stadt einfahrend, eine erste Angst in mir spürte.

Die Frage „is this living?“ wird innerhalb von „careering“ immer wieder gestellt. Im Narrativ dieses Stückes soll es um einen Menschen gehen, der Material zur Herstellung von Sprengwaffen über Grenzen transportiert (vermutlich Irland/Nordirland). Der das Stück durchdringende Synthesizer-Sound gibt die akustische Drohung direkt weiter. Der Hörer wird hierdurch stante pede deplatziert, am Kragen gepackt, weggeschleppt. Der Regen peitscht Dir ins Gesicht, der kalte Wind frißt sich unter Deine Haut. Das Marschtempo wird hochgehalten, die perkussiven Breaks untermalen stolpernde Schritte im unwegsamen Gelände. Die Spannung, die immer stärker hochgeschraubt wird, bricht mit dem Ende der Mission zusammen.( „Careering“ on OGWT )

Es wundert mich wenig im Rückblick, daß ich mit einer langgestreckten Ehrenrunde in dieser ersten Stadt auf meiner Fahrt, bereits den Rückweg antrat, die auf den Straßen flanierenden, lebenden Menschen fragend hinterherblickte. Die Beleuchtung entlang der Straße verband sich mit den Tönen der inzwischen hemmunglos lauten Musik und verfremdete die Szenerie hin zu einer Begegnung von Welten, die nie von einander wußten.

poptones“ beginnt, wie mit dem plötzlichen Einschalten der Bandmaschine, als würden PiL schon seit Stunden diesen Song spielen, und ein Toningenieur wacht aus dem Dämmer auf: „Oh! Ich sollte schnell die Aufnahme starten!“ Als sei es eine Improvisation, murmelt sich Lydon anfangs eher durch seinen Text, auch Levene hegt kurzfristig Zweifel an seinem kreiselnden Gitarrenriff, ändert den Kurs, kehrt wieder zurück. Jah Wobble, der ansonsten oft in diesem psychotischen Irrsinn wie ein Anker den Bass spielt und der Musik den klaren Dub-Anteil gibt, läßt sich hier immer wieder auf ein kurzes Irrlichtern ein. Ist das Stück doch auch schließlich geschaffen, den Hörer ein mächtiges Gruseln zu lehren. John Lydon nimmt die Rolle der Frau ein, die von mehreren Männern gekidnappt, und in einem japanischen Fahrzeug in ein Waldgebiet gebracht wird, um dort sexuellen Mißbrauch zu erleiden. Während des Geschehens läuft immer wieder ein Popsong im Autoradio. Der Geruch von Teer, bedingt durch die sommerliche Hitze, liegt noch in der Luft. Feucht ist es, eingewickelt in Folie, im morastigen Boden. Die Pein, die Scham des Opfers manifestiert sich nicht zuletzt in der Länge des Stückes, das selbst nach dem die Worte ausgehen kein Ende nehmen will/kann. Und Zynismus klingt nicht umsonst, wie ein tödliches Gift.

swanlake“, das vorab bereits als Single unter dem Titel „death disco“ veröffentlicht war, ist ein einziger Schrei. Eine Totenklage. Eine Anklage, ein Hämmern an den Toren der Ewigkeit. Ein sich in den Schmutz werfen, sich im Schmerz winden. Ein Sich-nicht-Abfinden. Ein kreischend hoffnungsloses Warten auf eine Antwort. ( „Death Disco“ on TOP )

Natürlich konnte die Platte nur „Metal Box“ heissen. Sie liegt kalt in der Hand. Sie reißt Dich aus der Sicherheit einer friedlich scheinenden Umgebung. Sie ist ein persönliches Reset auf die menschlichen Basiseinstellungen, denn alles andere schaltet sie aus.

Als ich von meiner Fahrt heimkehrte, konnte ich nicht sprechen. Ich zitterte noch zu stark. Die Erinnerung an diesen Tag ist noch lebendig.