Swans. Live 22. Oktober 2017. Heidelberg. Halle 02

Ein Konzertbericht? Ja, und doch nein. Wer sich mit der Band um Michael Gira namens Swans ein wenig auskennt, weiß, daß es zwei Phasen gibt: 1982 bis 1997, zur ersten Auflösung. Und seit 2010 ein Neubeginn unter altem Namen.

Dieser Neubeginn ist spätestens seit dem zweiten Album „the Seer“ (2012) großflächig umjubelt. Und das obwohl sich der Sound der Swans ab diesem Album mit noch mehr Macht als zuvor gegen viele mögliche Hörgewohnheiten des modernen Menschen entgegenstellt. Zwar gibt es mit dem letzten Studioalbum der ersten Swans-Ära, „Soundtracks for the Blind“ (1996) einen Ansatzpunkt für die teilweise monumentalen Hörklötze, die das Kollektiv Gira/Westberg/Hahn/Pravdica/Puleo/Harris (ab 2017 Wallfisch für Harris) erschafft, doch hat sich die Ausrichtung der Arbeiten geändert.

Waren Teile von „Soundtracks for the Blind“ Menschen gewidmet, die gemeinhin als Außenseiter bezeichnet werden könnten (worin sich möglicherweise auch die Selbstwahrnehmung Michael Giras und seiner damals noch wichtigsten Mitstreiterin, Jarboe, spiegelte), so ist eine derartige Beschränkung im gegenwärtigen Swans-Sound nicht mehr vorhanden. Konnte damals ein Stück den Titel „Helpless Child“ tragen und ein Gefühl transportieren, daß genau diese Hilflosigkeit im Hörer spürbar werden ließ (auch heute noch läßt), so widmet sich Michael Gira als Initiator nicht mehr einer einzelnen Thematik, sondern spricht die menschliche Gesamtheit an.

Dazu nutzt er die Macht einer entfesselten musikalischen Gewalt. Und die Macht der Frequenzen, die im Rahmen der heutigen Musik der Swans mit Vorliebe bespielt, gefüllt, losgelöst werden. Dadurch gewinnen Swans teilweise einen gewissermaßen archaischen Sound, der an Rituale erinnert, besonders wenn in manchen gar ruhigen Passagen Michael Gira seine im Grunde genommen wort- und textlosen Gesänge hören läßt. Da ich Passagen erwähne: Die Struktur des gemeinen „Songs“ wurden ab dem Album „the Seer“ immer weiter pulverisiert. Zwar gab es im Rahmen der Studioalben „the Seer“, „to be Kind“ und „the Glowing Man“ durchaus kürzere Stücke von nur bis zu sieben Minuten Länge, doch spielen diese „Gedankenfetzen“ im Konzertrahmen immer weniger eine Rolle und sind während der aktuellen Konzerte nicht mehr vorhanden. Dafür erscheint im derzeit gespielten Programm mit „the Knot“ ein einzelner Brocken mit 45 Minuten Länge, dabei direkt als Einstieg in einer über zwei Stunden währenden Sitzung, während der die Band das Publikum körperlich hart bearbeitet. Und damit ist nicht nur die immense Lautstärke angesprochen, für die Swans-Konzerte schon in der ersten Phase berüchtigt waren. Doch gerade hier, in diesem tosenden Geschrei an Tönen, kristallisiert sich die Idee der angefüllten Frequenzgänge heraus, die verschiedene Bereiche des Hörers und Konsumenten berühren sollen. Die Stücke mögen aus improvisierten Jams entstehen und sich während sie auf einer Tournee gespielt werden, auch immer weiter verändern, doch ist in der Musik der Swans überhaupt nichts dem Zufall überlassen. Hier sind nicht nur musikalische Profis am Werk, sondern auch Menschen, die eine pure Freude am Entstehenlassen verbindet. Und die auch in relativer Klarheit Erfahrungen übergeben. Dazu gehen diese Menschen auch an die Grenzen: Hierbei möchte ich nur kurz Phil Puleo, den Schlagzeuger, herausheben, der für seine Performance über eine außergewöhnliche Physis verfügen muß. Gerade er ist ein zentraler Angelpunkt in der musikalischen Architektur, die sowohl äußerstes Feingefühl von ihm erfordert, als auch die schiere Explosivität eines Preßlufthammers. Die Erfahrung zeichnen sich auch in den sichtlich gealterten Gesichtern der Musiker wieder. Das Leben in dieser Band, wie auch vor allem in dieser Musik und Intensivität, wandert nicht spurlos an wem auch immer vorbei. In dieser Hinsicht kann das seit 2010 geformte Werk der Swans auch bereits als ein Arbeiten an der großen Hinterlassenschaft von Michael Gira und seinen Mitstreitern gewertet werden. Nichtsdestotrotz hoffe ich noch auf etliche weitere Kapitel.

Neben dem Gefühl einem archaischen Ritual beizuwohnen, ist die aktuelle Musik der Swans jedoch auch phasenweise vergleichbar mit der gewollten emotionalen Desorientierung, die John Coltrane in seinen Free-Jazz-Arbeiten, wie „Ascension“ (1965), schuf. Und nicht nur bezüglich des gleichen Titels ist auch das Debütalbum von Glenn Branca („The Ascension“, 1981) ein enorm wichtiger Ankerpunkt für das musikalische Verständnis, denn Teile des Titelsongs finden sich sehr ähnlich im Swans-Stück „The Apostate“ auf „The Seer“ wieder, wenn auch mit einer verstärkten Druckwelle gespielt, die den lästerlichen Charakter unterstreicht. Doch ist diese Verwandschaft kein Zufall, denn Branca wurde 1981 von dem Gitarristen Lee Ranaldo unterstützt, der kurze Zeit später in der Band Sonic Youth einstieg, mit denen Michael Gira zu jener Zeit eine enge Bekanntschaft im New Yorker Underground hegte. Auch können Ähnlichkeiten mit Acts des sogenannten Post-Rock auftreten, wenn auch um ein Beispiel herauszuheben, Godspeed You! Black Emperor eher bei den Swans gelernt haben, als dies umgekehrt gewesen sein mag.

Grundsätzlich aber sind die Swans ein sehr eigenes Gebräu, das eben aus der individuellen Zusammensetzung heraus seine Qualität zieht, und dem mit Michael Gira ein detailbesessener Gitarrist, Regisseur und Dirigent vorsteht, der sich nicht scheut, während einer jener brüllend explosiven Phasen den Keyboarder Paul Wallfisch anherrscht, noch intensiver zu spielen. Ein totaler Gegenpol zu Gira ist der stoische Norman Westberg, der seine Gitarre spielt und das Publikum überblickt. Mit Verwunderung? Verachtung? Desinteresse? Niemand weiß es. Westberg ist neben der Gira der dienstälteste Swan, bereits seit der Gründungsphase an Bord, war er nur in den 1990er einmal kurze Zeit nicht Mitglied der Band. Auch bereits seit 1991 ist Kristof Hahn zunächst on-off-Mitglied der Swans. Seit 2010 dann bedient er die doppelte, verstärkte Lap Steel Gitarre, und sorgt damit auch immer gerne für klanglisches Irrlichtern, wie auch aggressivste Detonationen. Kristof Hahn kann in solchen Momenten ein imposant vorgeschobenes Kinn präsentieren. Was Hahns Kinn, sind Chris Pravdicas Knie, ist er doch Bassist und neben dem Beherrschen dieses Instrumentes, ist die perfekte Federung durch dieses körperliche Scharnier von enormer Wichtigkeit. Pravdica ist bis zu Paul Wallfischs Einstieg der Youngster in der Swans‘ Besetzung gewesen (seit 2010 an Bord). Der zuvor ausgestiegene, wunderbare Multiinstrumentalist Thor Harris spielte zwar auch vor 2010 nie für die Swans, jedoch schon lange für Michael Giras zwischenzeitliche Band, The Angels of Light, die einen wesentlich akustischeren, anschmiegsameren Sound pflegten. Harris stand auf der Bühne in einem schwer überschaubaren Kramladen an Instrumenten, die geschlagen, gestrichen oder geblasen wurden. Für ihn ist nun der bereits erwähnte Keyboarder Paul Wallfisch an Bord, der mit den Tasteninstrumenten natürlich auch eine neue Klangfarbe mit einbringt, die ihre Wirkung zwischen Sphäre und Verwirrung nicht verfehlt. Wallfisch erinnert die älteren Leser möglicherweise an die Figur des Bruno Martelli aus dem Film „Fame – der Weg zum Ruhm“. Über Phil Puleo habe ich schon geschrieben, auch wenn gerade über ihn kaum genug gesagt werden kann. Ruhm sei ihm und Ehre! Und auch er ist schon 1997 auf der damals letzten Swans-Tour an Bord gewesen, blieb Gira auch während der Angels of Light treu und ist mindestens ein großartiger Grund noch schnell die letzten Konzerte der aktuellen Swans-Besetzung anzusehen.

Wenn dann am Ende eines Konzertes, dieser Tour de Force die fünf Herren, welche die Swans bilden, sich verabschieden, fordert der Zuschauer keinen Nachschlag. Sie haben Dir alles gegeben, Du hast alles erhalten. Das ist es.

Konzertposter