Musik und Revolte II

Im zweiten Text zum Thema „Musik und Revolte“ greife ich einen einzelnen Song auf, der sich sicher auf den ersten Blick nicht unbedingt für diese Reihe aufdrängt.

Es handelt sich um das Stück „the good Son“ aus der Hand Nick Caves and the Bad Seeds. Veröffentlicht auf dem gleichnamigen Album im Jahr 1990. Im Zentrum des Stückes steht der Konflikt der zwei Brüder Kain und Abel. Genau! Die zwei aus der alttestamentarischen Geschichte .

Die eigentliche Story ist ja schnell wieder gegeben für jene, die sie vielleicht nicht kennen sollten. Kain und Abel bringen ihrem Gott ein Opfer. Der erfreut sich an Abels, verschmäht jedoch Kains Gaben. Kain ist geknickt und bringt Abel um. Er wird darauf von seinem Gott verjagt.

Wir fragen uns zunächst: Wer ist dieser Kain? Wie wir gerade lasen, einer von zunächst zwei Brüdern, die Eva und Adam geboren wurden. Wobei jedoch gleich in Bezug auf Caves Vaterfigur im Songtext erwähnt werden muß, daß hier mit „his father…“, welcher „is an unfair man“ eben nicht Adam gemeint ist, sondern die alttestamentarische Gottes=Vaterfigur.

Und wenn wir nun mit Nick Cave die Geschichte durchgehen, treffen wir zunächst auf Kain, den „good son“, während seiner Feldarbeit. Er hat die Hände eines Landarbeiters, sie sind groß, kräftig. In seinem Herzen hegt er dunkle Pläne gegen seinen Bruder, sowie gegen die Familie, obwohl er, wie Cave geradezu bekräftigend hinzusetzt, seinen Bruder, wie auch die Mutter ehrt. Doch sein „Vater“ sei, wie oben schon angeführt, jemand, der eben nicht mit gleichem Maße mißt.

Warum Kain üble Pläne schmiedet, wird in der zweiten Strophe ausgeführt, ohne das diese explizite Frage gestellt wird. Der „gute Sohn“ sieht sich unter einem unheilvollen Stern gefangen, unter welchem er sich oft den Tränen hingibt. In das Dunkel der Nacht gehüllt, schreit er nach Vater und Mutter, doch diese befinden sich laut Cave im Banne der Schludrigkeit des Bruders. Hier klingt ein leichter Hauch des Gleichnisses vom „verlorenen Sohn“ hindurch, zumal die Darstellung des Kain durch Nick Cave, sowie die Benennung dessen als dem „guten Sohn“, viele Parallelen zu jenem „guten Sohn“ aus dem Gleichnis des Jesus Christus besitzt.

Hier lohnt sich ein kurzes Innehalten, um die Unterschiede der beiden „guten Söhne“ zu betrachten:

Kain fühlt den Verrat, wenn seine Opfergaben (Früchte des Ackers) keinen Zuspruch finden, jedoch die geopferten Tiere des Bruders Abel von ihrem Gott (Vater) angenommen werden.

Im anderen Fall fühlt sich der daheimgebliebene „gute“ Sohn von seinem Vater zurückgesetzt, als dieser den zurückgekehrten Ex-Filou wieder mit offenen Armen aufnimmt. Wenn wir diesen zweiten, den von Jesus eingeführten „guten“ Sohn vom biblischen Schekel in Euro umrechnen, so erhalten wir einen netten, neuzeitlichen Besorgtbürger, der ein großes Manko in der Disziplin der Gönnung zeigt. Natürlich hat er geschuftet, als der andere Bruder sich ein lockeres Leben machte, doch hat der am Ende der Feier auch die Fallhöhe des menschlichen Lebens kennengelernt. Und wenn das vom Vater ausgerichtete Fest der Wiederkehr zu Ende ist, könnte der Rückkehrer dem daheimgebliebenen Bruder ein guter Helfer werden. Alles eine Frage der Kommunikation und der Bereitschaft zum Miteinander.

Im Falle unseres Freundes Kain ist es anders. Während es in Fall Eins durch das Fest die Wiederkehr, nicht das vorhergegangene Leben des „verlorenen“ Sohns gefeiert und damit gewertet wird, so geschieht in der Geschichte von Kain und Abel eine grundlegendere Wertung durch einen Dritten, in diesem Fall der biblische Gott, den Nick Cave in seinem Song als „Father“ benennt. Grundlegender, weil in einem Falle definitiv abwertend. Wir können uns aus heutiger Sicht natürlich einerseits lustig machen über den Aspekt des Opfers an einen Gott: Tier oder Ackerfrucht? Doch kennt sicherlich nahezu jeder Leser eine Situation, in welcher zwei Arbeiten zu einer Wertungsstelle eingereicht werden, und diese bevorzugt hiervon eine, während die andere verschmäht wird, während prinzipiell beide Arbeiten als gelungen bezeichnet werden könnten, da die Wertungsstelle nicht einen Sieger auszuloben hatte, sondern gelungenes Schaffen zu werten.

Und wenn sich in Caves „the good son“ unser Kain schon vor dieser Mißachtung, die ihm von „Gott“ geschieht, unter dem ungünstigen Stern sah, dann ist an jener Stelle eben das Maß voll. Er erschlägt seinen Bruder, der im Nicht-Wettbewerb der Opfergaben Sieger wurde. Klar muß sein, daß Kain hiermit trotzdem ein Mörder gescholten werden muß, denn er handelte aus Heimtücke. Gleichzeitig ist Kain ein Idiot und eine Marionette. Was davon schlimmer wiegt, mag jeder für sich selbst entscheiden.

Gehen wir wieder zum Song zurück. Wenn wir ihn anhören, sollte auffallen, daß die Strophen von extremer Energie getrieben sind. Ja, da ist Wut, da ist Auflehung, da ist die Revolte, die wir suchen. Da ist der innere Tumult in Kains Seele, da ist der Schatten des Unglücksstern, der da am Himmel prangt und unseren Titelhelden ins Dunkle zerrt. Kain symbolisiert nun in gewissem Maße durch seine Bluttat den Irrweg, den die Revolte nehmen kann, denn er entscheidet sich zum Mord an seinem Bruder, der zwar der Nutznießer einer Ungerechtigkeit ist, die er jedoch nicht zu verantworten hat. Die Revolte muß sich gegen den Verursacher richten. Doch ist dieser in dieser Geschichte genauso wenig konkret greifbar, wie der Verwaltungsrat einer Briefkastenfirma auf der Isle of Man.

Und dennoch gilt: Die Revolte muß sich gegen den Verursacher einer Ungerechtigkeit richten. Kann sie ihn nicht erreichen, ist die Möglichkeit zu zerstören, daß weitere Ungerechtigkeiten verursacht werden können.

Das sollte uns Kains Geschichte lehren.

hier: eine grandiose Live-Aufnahme von 1992:

Das Original aus dem 1990er Album: