Twenty-Seventeen – We made it

Hat nichts mit dem Artikel zu tun, ist aber knuffigunsplash-logoTadeusz Lakota

Der Igel hat nichts mit dem Artikel zu tun, ist aber knuffig — Photo by Tadeusz Lakota frei unter CC-Zero.

Das Jahr endet, bald. Und hier kommt ein kleiner Rückblick, was musikalisch dieses Jahr bei mir so ankam. Dass das am Ende schön bunt wird, nehme ich mir mal aus meinem gedudelten Gaststatus hier raus, einfach alle anderen, die hier mitschreiben, einzuladen auch zurückzuschauen, Highlights, oder Worstofs, zu benennen, zu erzählen, was an Musik dieses Jahr nochmal erwähnt werden sollte. Ich entschuldige mich schonmal, dass das alles für dieses Blog um Größenordnungen zu nah an diesem ominösen Mainstream sein wird. Sorry, aber ich arbeite noch an meinem Musikgeschmack. Grob chronologisch und dann doch chaotisch. Konsequent kann ich. Dafür aber nur neue Songs. Sonst müsste jeder zweite Satz lauten: „Ich habe ständig Rise Against oder Love A gehört. War gut“

 

Angeblich ist Post-Millenenium-United-States-Alt-Rock ein Genre. Sowas wie 3 Doors Down eben. Oder Zebrahead. Livingston. Und wohl auch Skillet. Und das Jahr begann für mich mit einer Version von Stars, die zum Film „The Shack“, in der deutschen Fassung „Die Hütte“, aufgenommen wurde. Praktisch dabei ist, dass Jen Ledger, die sonst hauptsächlich am Schlagzeug sitzt, auch mal mehr zum Singen kommt. Es ist ein Lied über Hoffnung. Hoffnung, nicht alleine zu sein, Hoffnung, dass wer da ist, nie zu weit weg. Hoffnung, dass wer aufpasst, es gut meint und einen nie vergisst.

Auf einmal war es dann Mitte Februar. Ihr kennt das. Einmal nicht aufgepasst und fast ein Jahr älter. All Time Low koppeln Dirty Laundry aus. Neue Single. Neues Album folgt. Was für ein Gerät. Während alles davor immer irgendwie Pop-Punk war, immer vorwärts, immer frech, ist Dirty Laundry vor allem eins: Anders. Der Song hat einen elendig langen Spannungsbogen, der gerade so viel tut, dass eins nicht nach paar Sekunden abschaltet. Weil, oh, da war ja doch ne Gitarre. Und oh Schlagzeug und oh, hier das. Aber obwohl der Song für alles, was die Band sonst tut, klingt, als hätte es irgendwo Handbremsen gratis gegeben, hat er unglaublich viel Energie. Und ist gleichzeitig irgendwo auch meditativ – bisschen wie vor der Waschmaschine sitzen und zuschauen, weil im Fernsehen nur Müll läuft. Es geht halt immer weiter. Es passiert was. Es gibt was zu sehen. Dabei ist das ganze auf ne verwegene Weise spannend. Einfach dasitzen und halb in Gedanken, halb wegdämmernd, während sich in ihrem Zimmer die Dreckwäsche stapelt. Und jetzt habe ich leider einen Ohrwurm und muss die ganze Nacht Dirty Laundry hören. Dieser Song hört zwar irgendwann auf, aber, wenn eins auf Repeat klickt, fällt das fast gar nicht auf. Sorry.

Als ich es dann endlich geschafft hab, Dirty Laundry wieder auszumachen, war Anfang März und ich diskutierte mein Coming Out in der Jugendarbeit meiner Kirchengemeinde. Diskussion ist bisschen ein Euphemismus. Eher so, ja, wir sind uns da unsicher, wir tun uns schwer – ja, ok, womit? – Ach weiß auch nicht. Zur Rettung meines letztes bisschen Verstandes trug dann Sookee bei. Sookee rappt. Am 10. März gabs dann n‘ neues Video. Der Song: Queere Tiere – genau darum gehts. Sookee zerlegt in  knapp über 200 Sekunden so ziemlich jeden Strohhalm, an den sich argumentativ geklammert wird. Es gibt ’ne ganze Menge queerer Tiere. Seepferdchenmännchen werden schwanger, schwule Schwäne adoptieren verlassene Eier und das passiert alles selbstverständlich. Aber Mensch, ne, der darf nicht. Wo kämen wir dahin? Wie gesagt, Sookee räumt auf und bewahrte mich damit vom völligen Delirium. Danke dafür.

13 Tage später erreichte mich dann eine andere frohe Botschaft: Ein neuer Song mit Lin-Manuel Miranda, wissenschon Hamilton. Für den Soundtrack von Moana hat Lin zusammen mit Jordan Fisher eine Version von You’re Welcome eingesungen. Und, ich schwöre, ich mach das nicht mit Absicht, dass hier alles queer ist, aber „Hey, it’s okay, you’re welcome, I’m just an ordinary demi-guy“ Jaja, ich weiß, das ist ein Wortspiel mit demi-god und ordinary boy, aber es glitzert so schön. Und dann ist da noch der Rap-Part und der ist verspielt und passt einfach zu gut zu so einem gewöhnlichen halb-Jungen.

Dann war, wie ich mich erinnere, eher Ebbe. Über einen Monat. Wahrscheinlich passierte da einiges, aber das fällt mir jetzt eh nicht ein. Ein Glück passieren gelegentlich Dinge auf dieser Welt und so gabs dann Wahlen, dieses Jahr eine ganze Menge sogar. Im Mai in NRW und in Schleswig-Holstein. Gott und die Welt meldeten sich zu Wort, und eine Wortmeldung blieb hängen. Ein paar Menschen, die im deutschsprachigen Youtube schon paar Tage länger mitmischen, haben ein Cover aufgenommen. Namentlich am Start: MasterJam, Marti Fischer, Steven von den Space Frogs und Jako von Fewjar. Gespielt wird  Willkommen im Deutschland, Original: Die Toten Hosen. Erschienen: 1993. Worum gehts? Deutschland ist auch „dein“ Land, deine Verantwortung, dass blinder Hass es nicht zerstört. Der Song macht klar, dass weg ducken eben nicht zählt, dass es auch unsere Verantwortung ist, dass es irgendwann auf mich zurückfällt, wenn ein Mensch aus einem andern Land ohne Angst hier nicht mehr Leben kann. Das Team verbindet den Song mit einer Wahlaufforderung. Da es auch mein Land ist, Campino, MasterJam und ich nicht wollen, dass ein viertes Reich draus wird. Sondern, dass es viel mehr Mal an der Zeit wäre, zu zeigen, dass auch noch andere Menschen hier wohnen, Menschen mit Anstand, die keinen Bock drauf haben, dass Fremdenfeindlichkeit einerseits in den Bundestag einzieht und andererseits annähernd jeden Tag eine Unterkunft für Geflüchtete angegriffen wird. Und das allermindeste was da drin sein sollte, ist irgendwen wählen, der das so nicht unterstützt. Nu, jetzt mach mal halblang, hier gehts um Musik, nicht um Politik. Nix gibts. Aber denk doch mal an die, das hier lesen sollen. Ja und? Wenn die auch von hier sind, können die gleich mal überlegen, dass es ein Unding ist, anderen Leuten wegen ihrer Herkunft die Bude anzuzünden und wenn nicht, können sie gleich mal sehen, dass die AfD eben nicht das Volk ist. So!

[Die Playlists hierzu haben das Original, das Cover scheint es nur auf Youtube zu geben]

Los gehts. Endlich Mai, vielleicht wirds auch mal Sommer irgendwann. Oder Frühling. Auf jeden Fall gibts neue Musik. An dieser Stelle geht an Dankeschön an Mar. Ohne Mar wäre mir Love A nicht geläufig und ohne Love A hier eine Lücke. Am 12. erschien Nichts ist Neu. Keine Ahnung, ob das als Punk durchgeht, es ist jedenfalls gut linksmotiviert und ich könnte mich nahtlos an Willkommen in Deutschland anschließen. Ich mag Love A dafür, wie die Musik anders funktioniert. Wie ich nicht sagen kann, oh Gitarren, Bass, Schlagzeug und Gebrüll und passt schon. Wie der Gesang manchmal eben doch über den Rest hobelt, als wär das nicht so ganz aus einem Guss. Wie die Gitarren nicht brüllen müssen, aber trotzdem irgendwie ne solide Geräuschdecke legen. Und ähnlich, wie ich es auch bei Rise Against liebe, gehen die Texte auch mal aus einer direkten Ebene, die ein Geschehen, die Geschichte des Songs, beschreiben, raus und stellen sich beobachten daneben, stellen fest, dass wir wollen, dass der Tag vergeht, aber nicht, dass sich die Zeiger drehen. Und, weil ich die Zeile „Angst 1, Mitleid 0, Weltmeister, Kartoffelland“ viel zu sehr mag, weil sie viel zu böse ist, steht hier Unkraut kursiv. Für das ganze Album. Für eine großartige Band, zu der ich dieses Jahr fand.

Ein anderer Monat, ein anderes Album. Rise Against sind zurück. Und ich war erstmal enttäuscht. Wolves haute mich schlicht nicht vom Hocker. Es dauerte ’ne Woche und dann wurde mir das Problem klar: Meine Erwartung an ein Album von der Truppe war einfach jenseits von gut und böse. Und so hab ich eines der besten Alben des Jahres durchgehört und war erstmal wie: Jo, is ok, und jetzt? Warum? Weil Rise Against in meinen Augen keinen einzigen schwachen Song hatten, jemals. Und Wolves ändert auch da dran nichts. Nur, wenn alles großartig ist, gibts halt nichts zum Festhalten und sagen: Hier, das ist mein Song, das Gitarrenriff ist das beste, das je geben wird, wir können jetzt alle heimgehen und was sinnvolles machen. Und genau das war passiert. Vielleicht, ja, vielleicht bin ich auch, nachdem ich The Violence von den Vorabsingles hörte mit noch höheren Erwartungen rangegangen. Selbstschuld, kein Mitleid. Auf der Scheibe ist unter anderem Bullshit und Bullshit endet mit dieser großartigen Zeile „face the storm you helped create“, was ich am liebsten der ganzen aufkommenden rechtspopulistischen Bewegung ins Gesicht brüllen würde. Ganz im Ernst. Die Welt brennen sehen wollen, ist okay. Die Welt anzünden lass ich noch durchgehen, aber dann daneben stehen, Öl ins Feuer gießen und Unschuld beteuern oder die Schuld einfach anderen zuschieben, zeugt für mich, höflich gesagt, nicht grade von Charakter. Im Übrigen hat das Album noch ein paar weitere Highlights, die ich nicht unerwähnt lassen wollte. Die heißen: Wolves, House on Fire, The Violence, Welcome To The Breakdown, Far From Perfect, Politics of Love, Parts Per Million, Mourning in America, How Many Walls, Miracle, Megaphone und Broadcast[Signal]Frequency.

Anscheinend gibts dann noch Bands, die komplett an einem vorbei gehen. Unterm Radar durchfliegen. Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich den Bandnamen Sleeping With Sirens zum ersten Mal gehört habe. Und dass ich wusste, dass das Genre und die Musik, die die so veranstalten, mir durchaus gefallen könnte. Es hat aber gedauert, bis eine gute Freundin SWS bei der gemeinsamen Tour mit Rise Against live hörte, und mir sagte, ich solle das dringend auch mal tun. Wir könnten wild sein, wir könnten frei sein, wie können im Leben alles sein, was wir sein wollen, wir könnten Berge versetzen und Mauern einreißen, wir könnten die Stellung halten, kämpfen und niemals verlieren. We could be Legends after all. Ich mag die aufgekratzte Stimme, den gleitende Übergang zwischen Sprech- und Melodiegesang. Zudem haben die das mit androgynen Erscheinungsbildern so bisschen raus. Nu gefällt das.

Dann wars auf einmal so richtig Sommer. Und dann waren da die Foo Fighters. Wahrscheinlich ist es Daves geheimes Hobby, wenn es Zeit wäre, an ’nem neuen Album zu arbeiten, sich erstmal zu überlegen, wie er es wieder schaffen kann, dass die gesamte Band ihm den Vogel zeigt und ihn fragt, was das jetzt wieder soll, wie er sich das vorstellt und wie das gehen soll. Weil er einfach jedes verdammte Mal einen drauf legt. Immer. Und ich dachte, weil ich immer noch naiv bin, das wars jetzt, was soll der denn da noch drauf legen. Im Nachhinein staune ich auch, wie naiv ich da tatsächlich war. Warum? Weil Dave einfach mal den krassesten Produzent ever geangelt hat, der eigentlich Jazz macht und im Pop als Produzent ungefähr alle richtig dicken Nummern der letzten drei Jahre verbrochen hat.

Is ok, Nu, und was haben die jetzt gemacht?
N‘ Album aufgenommen und produziert.
Nicht dein ernst, was will ein Jazzer, der Pop produziert mit den Foo Fighters? Und was wollen die mit dem?
Sag ich doch: einen drauflegen wollen die. Musikalische Ideen von zwei komplett verschiedenen Richtungen, eine wahnsinnige starke Produktion, ziemlich viele Gastmusiker*innen, Mehrstimmigkeiten, Zeug, Kram, Glitzer.

Das Album nennt sich Concrete And Gold. Und das ist das Motto. So bisschen. Da ist Beton, härter wie ’n Brett. Einfach da. Die Foo Fighters. Rock. Und da ist der Produzent. Jazz eigentlich. Erfolgreichste Popmusik. Gleichzeitig andersrum. Da sind die Foo Fighters. Gold. Das beste, was nach dem Ende von Nirvana noch hätte werden können. Und ’n Produzent, der eigentlich Jazz macht. Jazz. Wie in irgendeinem verrauchten Keller. Jazz, der eben nie groß rauskommt, der keine Wände wackeln lässt, der nicht zum Himmel schreit, sondern einfach da ist, solide, ehrlich, down to earth. Concrete. Was mich an dem Album nach wie vor komplett wundert, ist, dass der Beton am Gold kleben bleibt, dass diese Chimäre fliegen kann, dass das nicht zwei Fremdkörper, die Nähe suchen, aber nicht finden, geblieben sind. Das alles funktioniert vielleicht gerade deswegen, weil da kein common ground gesucht wurde. Weil niemand fragte: Wie krass können denn die Gitarren sein, wenn wir da Jazzvibes haben wollen? Wie sehr darf der Bass ins Gesicht, wenn das poppig wird? Kriegt ihr so ’ne Modulation hin? Und die Foos so: Wasn das?  Das ganze funktioniert vermutlich deswegen, weils einfach gemacht wurde. Weil niemand gefragt hat, wie kriegen wir das passend, sondern, weil das einfach als lebendes Objekt kreiert wurde. Song für Song. Und mitten drin: The Sky Is A Neighborhood. Die Strophe mit treibenden Schlagzeug, Dave drüber rufend, die Gitarre taucht jeweils kurz im Backbeat auf. Alles erdig. Und wenn es nicht Concrete And Gold wäre, würde da jetzt sowas I Love Rock’N’Roll, Heaven Knows oder We Will Rock You draus werden. Weil es aber Concrete and Gold ist, geht der Refrain auf. Die Soundkulisse wird voll. Streicher. E-Gitarren. Synths. Der Gesang wird melodisch. Und das Schlagzeug? Das bleibt. Hat mich das Album so abholen können wie Love A oder die neue Rise Against? Nein. Aber es ist faszinierend, dass und wie es funktioniert. Spannend, wie die Instrumente und Musiker*innen ihren Platz finden. Und sehr hochwertig produziert.

Wir unterbrechen eben das laufende Programm, weil, oh, ich hab da noch ’n politisch-motivierten Song gefunden. Jennifer Rostock haben auch mal einen auf MasterJam gemacht und sich an einem Wahlaufruf versucht. Wähl die AfD heißt das Stück. Denn, ja, wenn du Bock hast, dass der Staat dich nicht unterstützt, wenn du alleinerziehend bist, oder du unter Mindestlohn  arbeiten willst, dann ist die AfD ’ne super Idee. Freie Welt? Gesellschaftlicher Fortschritt? Vielfalt und Diversität? Alles Kacke? Jennifer machts deutlich, wenn das alles doof ist, dann ist AfD wählen genau richtig. Kurzum, da hat es wer sehr erfolgreich mit Ironie versucht.

Bumm! Bumm! Bumm! – noch ist nicht Apokalypse, während dieser Text geschrieben wird hat noch hat niemand den Krieg angefangen. Das ist nur der Titel eines neuen Songs von Madsen, der ziemlich viel, was ich an der Band immer mochte, mitbringt. Gitarren, die knackige Riffs einwerfen. Fuzz auf den Gitarren. Ein bisschen Witz bei der Sache. Und Gesang, der entspannter klingt, als das, was er sagt. „Die Lauten werden Lauter und die Leisen werden stumm. Es macht Bumm, Bumm, Bumm“. Ja. Schon wieder ein politischer Song. Ich kehre nicht. Also ich kehre. Ich mag es, wenn Menschen besingen, was sie bewegt, wenn ich dadurch merken kann, wie sie bewegt werden. Ich mag es, wenn Menschen drauf eingehen, was so passiert und Stellung bezieht.

Zuletzt noch Lights. Lights kommt aus dem schönen Kanada und macht Musik. Das schon seit paar Jahren und immer sehr elektronisch, aber ruhig. Also nicht elektronisch wie fetter Techno, sondern elektronisch wie Singersongwriter meets Synthi. Weil Musik alleine noch nicht alles kann, hat sie jetzt ein Comic gezeichnet und dazu eine Art Konzeptalbum aufgenommen. Drauf ist unter anderem Giants.  Ich glaube, ich liebe diesen Song ein wenig. Weil es drum geht, auch mal auszubrechen, auch mal rauszugehen, raus aus dieser Stadt, die mich klein macht, weg von den Problemen, die mich machtlos machen. Denn wenn mich niemand mehr klein hält, kann ich auch mal Riesin sein. Dann kann Lights auch Riese sein.

 

Das ganze gibts auch nochmal zum Durchhören bei iTunes und Spotify. Das war dann wohl 2017 für mich in Neuerscheinungen. We made it! Und ihr so?