Tante Isa hörte Musik in 2017

So, das Jahr 2017 ist fast kaputt, nur noch wenigste Tage bis zum letzten Scheppern. Also Zeit zum Zurückschauen und ich sende gleich eine Warnung: Lesen sollten nur Zeitgenossen, die Zeit genauso egal ist, wie mir. Ich blicke derweil auf Musik zurück, die meine Wenigkeit in diesem Jahr neu erfahren hat und nicht, was zufällig in 2017 veröffentlicht wurde. Etwas aus dieser Schnittmenge wird jedoch vorkommen, sorry.

Am Anfang des Jahres traf mich die Erkenntnis, das ich doch endlich einmal dem Schaffen von Laura Jane Grace, der Sängerin der Band Against Me!, ein Ohr leihen sollte. Mein Fokus lag schnell auf dem vorletzten Album „Transgender Dysphoria Blues“ (2014), das mich doch aus persönlich gegebenem Grund ansprach, wofür ich aber in den Jahren zuvor noch nicht bereit gewesen war. Und so lief denn „True Trans Soul Rebel“ ab diesem Zeitpunkt in Dauerschleife und hat sich bis dato noch nicht abgenutzt. Wird es das je? Zu griffig sind viele Fallstricke des Lebens im Banne des LGBTI*, besonders der von Ms. Grace auch selbst erfahrenen Transsexualität in Worte gesetzt, die hier eine sehr effektvolle Schlagkraft erfahren. Aus dieser gleichen Lebensschule stammen auch „Paralytic States“, sowie der Titelsong dieser insgesamt sehr energiegeladenen und empfehlenswerten Platte.

Etwas weniger Punkrock findet sich im aktuellen Sound von Schrottgrenze. Doch mein Song des Jahres aus ihrem „Glitzer auf Beton“-Album ist das durch und durch großartige „Dulsberg“, das genügend Power unter die Schuhe geschoben bekam. Die Worte dieses Stückes, besonders die letzte Strophe, bringen innere Bilder mit sich, die gerade auch dort tief brennen. Schrottgrenze werden ihrem Namen auf dem kompletten Longplayer nicht gerecht, zum Glück der Ohren des Hörers und bringen auch leise Höhepunkte, wie „Spuren von Dir“, oder die rockige Illusionsnummer „Zeitmaschinen“.

Nachdem ich die letzten Jahrzehnte unter anderem damit verbrachte, die Musik des genialen John Coltrane zu erforschen, fand ich in diesem Jahr tatsächlich auch die Zeit mich mit der Arbeit seiner Witwe, Alice Coltrane, zu befassen. Das Album „Journeys in Satchidananda“ (1971) fiel mir in die Hände und überraschte mich mit einem sehr eigenen Zugang zu diesem Wortmonster „Jazz“. Alice Coltrane, die selber zumeist Harfe spielt (daneben Orgel und Piano), tat sich hierbei mit einigen alten Musikerfreunden ihres Mannes zusammen, darunter der Saxophonist Pharaoh Sanders, der John C. besonders in seiner späten freien Phase begleitet hatte. Sanders läßt sich hier jedoch durch den sehr indisch angehauchten Flow besänftigen, der zeitweilig eher an einen Sit-In gemahnt, doch einen energiegeladenen. „Shiva Loka“ und „Something About John Coltrane“ sind die Höhepunkte dieser durchweg exotischen Platte, die Lust macht auf mehr Musik dieser Frau, die leider zu sehr im Schatten ihres verstorbenen Mannes stand.

Noch mehr Jazz und auch „im Schatten stehen“ finden wir bei Pete La Roca. Der Schlagzeuger arbeitete meist in Ensembles anderer Größen und fand erst 1965, nach über zehnjähriger Tätigkeit als professioneller Sideman, die Gelegenheit mit eigener Gruppe ein Album zu veröffentlichen, doch welch eine Hammerplatte war ihm da gelungen: „Basra“ übernimmt einen sehr wichtigen Aspekt von Alice Coltrane: den sanften, aber stetigen Flow. Schon die Kombination von schwebenden Piano-Akkorden und Hi-Hat-Geklingel am Anfang des Openers „Malaguena“ weisen den Weg von dem La Roca und die Kollegen Joe Henderson, Steve Kuhn und Steve Swallow nicht mehr abweichen wollten. Die Leichtigkeit des Swings bringt hier einen saftigen Genuß mit sich.

Ein ganz leicht jazziger Anflug ist auch bei Ludus zu hören. Jedenfalls bei zwei meiner persönlichen Highlights in diesem Jahr aus dem Oeuvre der Band um die wunderbare Linder Sterling, deren Stimme nahezu so verführerisch klingt, wie ihre optischen Kunstwerke. In „Mother’s Hour“ (ich liebe auch das Cover-Artwork dieser Single, weswegen ich es auch hier ausstelle…->)

mothers hour

wirft sich Ms. Sterling mit viel Mut in den sehr frei und freaky gestalteten Tonraum, den die Band sich erspielt. Wäre Linder Sterling ein Mann, so würde dieses Stück Ernst atmen, doch ist sie glücklicherweise eher eine verspielte Katze, die den Bandnamen (lateinisch für Spiel) belebt und mit Sicherheit über das ausgelegte Spielbrett tänzelt. Geht auch so in „My Cherry is in Sherry“, das schon eher einen leicht new-wavigen Unterton mit sich führt. Das paßt auch in die Ära, in welcher Ludus agierten: 1978 bis 1983. Weitere Highlights aus der Ludus-Kiste sind: „Anatomy is not Destiny“ (Schade!) und „Unveiled/A Woman’s Travelogue“. Überhaupt ist die Veröffentlichung „The Seduction“ mit ihren schräg gesägten Songs eine wunderbare Fundgrube für wilde Forscher. Nebenbei wurde Linder Sterling später von einer gewissen Lady Gaga um eine Idee beliehen, denn Miss Sterling war die erste Frau in einem „Fleischkleid“, 1982. Ob das generell ein Pluspunkt ist, sei jeder Leserin zur individuellen Wertung überlassen. Die Ludus’sche Musik ist auf jeden Fall interessanter.

Und damit zurück in die Gegenwart, in welcher ein ebenfalls brockenweise jazzig, loungig rumorender King Krule unsere Ohren beehrt. Hatte mich dieser bleiche Mensch damals 2013 schon mit seinen „Easy Easy“-Beschwörungen in den Bann gezogen, so landete er mit dem von Angstschweiß durchzogenen Trip „Dum Surfer“ einen meiner persönlichen Top 3-Hits dieses Jahres. Seit Jahren warte ich auf neue paranoide Gesänge von Horace Andy, untermalt von Massive Attack, und hier kommt endlich adäquater Ersatz, wenn auch beschleunigter. Danke an Archy Marshall für diesen erfreulichen Hammer. Das Album „The Ooz“ als Ganzes fällt leider arg ab.

Drum lasset uns jetzt etwas introvertierter und wieder transsexueller werden. Denn darum geht es auch im nächsten Hämmerchen, denn oh, wie zärtlich flüstert Alison Goldfrapp in „Annabel“ aus dem Album „Tales of Us“ (2013). Erst in diesem Jahr erreichte diese insgesamt äußerst gelungene LP meine Ohren. Ja, sie überflügelt sogar den wunderbaren Erstling „Felt Mountain“ (2000), vor allem durch die gänzlich tief einsickernde Atmosphäre, die auch in Stücken „Jo“ und „Drew“ vor Qualität trunkene Hörer hinterläßt. Und Ms. Goldfrapp will die Hörerin berühren. Auf den Schwingen von akustischen Gitarren funktioniert das vorzüglich.

Wenn da nicht manchmal diese Coversongs wären?! Und wenn da nicht immer diese Querverbindungen entstünden!? Dann wäre ich wohl nie mehr, als eine Radiohörerin geblieben. Was die Coversongs anbelangt, so wurde ich schon vor vielen Jahren angefixt, eine Person namens Tom Rapp auszukundschaften. Dieser schrieb den Song „Rocket Man“ (nicht den saccharinesken Elton-John-Astronauten…), den ein gewisser Harry Rag auf seinem einzigen Soloalbum „Trauerbauer“ (1992) eindeutschte. Rag, der zuvor als Stimme der Band S.Y.P.H. bekannt geworden war, versuchte sich in direkt zwei Versionen an diesem Monument einer tiefen Trauer. Im zweiten Anlauf versuchte er der Tiefe mit einem Ruhrpott-Dialekt zwischen Tegtmeier und Helge Schneider zu begegnen. Er hält nicht sehr lange durch, bis die Worte ihn einfangen, einnorden. Tom Rapp war der Frontman der Band Pearls Before Swine und veröffentlichte dieses Stück 1972 auf „The Use of Ashes“. Sowohl das Original, das ich erst in diesem Jahr fand, als auch die Aufnahmen von Harry Rag sind Meditationen über den Schmerz des Verlustes. Mehr zu schreiben, wäre böse gespoilert. Außer, das Pearls Before Swine etwas barocker instrumentiert haben.

Stilistisch könnten Rakta auch in den 1970er verortet werden. Doch ist es inzwischen ein aktuell arbeitendes Trio dreier junger Frauen aus Brasilien. Doch das ihr Beat, zum Beispiel im umwerfenden „Tudo que é sólido“, stark an die Motorik aus dem Hause Klaus Dingers (Neu!, La Düsseldorf) gemahnt, wird in weiteren Stücken untermauert. Nichtsdestotrotz ist Rakta eine sehr erhebende Neuentdeckung, die durch ihr 2016 veröffentlichtes letztes Album „III“ stark unterstrichen wird. Hier arbeiten sehr erfreulich eigensinnige Menschen an einem Werk, das viel mehr Aufmerksamkeit verdienen würde. Überhaupt solllten viele Menschen mehr fordernde Musik hören. Ihr erhaltet soviel mehr zurück!

PJ Harvey ist ja auch schon lange dabei, und ich hatte sie schon etwas aus den Augen verloren. Gebe ich offen zu! Und auch war ich ein Jahr zu spät für ihr noch aktuelles Album „The Hope Six Demolition Project“. Und ich will es gleich offen sagen: Polly hat ja schon ein paar Bretter in meinem Plattenschrank liegen, allen voran ihr Debüt „Dry“ (1992), aber nichts reicht an diese im besten Fall trostlosen Stücke, die mal stampfend, mal flockig daherkommen, aber dem Hörer niemals irgendeine Hoffnung überlassen. „The Ministry of Defence“ ist da direkt ein guter Angriffspunkt, wenn es heißt: „This Is How The World Will End“. Nein, wenn irgendjemand in Gegenwart von PJ Harvey sagen sollte: „Alles wird gut“, wird sie ihn mit Haut und Haaren verschlingen. „Chain of Keys“, ein weiterer Schlag ins Gesicht, in welchem zahlloser Toter gedacht wird. Geredet wird nicht mehr. Ein musikalischer Aspekt, der mir viel Freude macht (was für diese Platte irgendwie komisch klingt): die Saxophone, die sich schlangengleich durch die Arrangements schlängeln und die Musik dadurch unrockend werden lassen. Das ist nicht nur gut, es ist wundervoll. Was jedoch den Menschen, die Polly sah, als sie diese Stücke u.a. in Afghanistan schrieb, nicht hilft. „This Is How The World Will End“.

Ähnlich düster, aber letztlich anders: Mount Eerie. Die Geschichte um die LP-Veröffentlichung dieses Jahres, „A Crow Looked At Me“, ist die Realisierung dessen, wovon Tom Rapp in „Rocket Man“ noch fiktiv singt: Der Tod eines sehr nahestehenden Menschen. Im Fall von Phil Everum, dem Mann hinter Mount Eerie, ist dies der durch Bauchspeicheldrüsenkrebs verursachte Tod seiner Frau, Geneviève, die auch gleichzeitig Mutter der gemeinsamen Tochter war. Ein englischsprachiges Interview findet sich hier: http://observer.com/2017/03/mount-eerie-phil-elverum-interview/

Als ich „Swims“ hörte, habe ich geheult. Mehr möchte ich gar nicht dazu schreiben.

Zum Heulen schön ist eine Platte, die lange auch auf meiner inneren Zu-Hören-Liste stand und es dieses Jahr einen Schritt weiter brachte: Gene Clarks „No Other“ von 1974. Der unglückliche Gene, der mal die Byrds gründete, und einige der wichtigsten Songs schrieb („Eight Miles High“), und nach seinem Ausstieg kommerziell nicht mehr auf einen grünen Zweig kam. Der mit dieser Platte 1974 gar ein wirtschaftliches Desaster erlitt, da Aufnahmekosten und spätere Einnahmen in gar keinem Verhältnis mehr standen. Das diese wehmütige Stimme, die perfekt inszenierten Stücke, diese Gefühle, die da in der Hörerin geweckt werden, keinen monumentalen Hit produzierte, ist wahrlich die Schuld unserer Welt. Seid nicht so töricht, wie ich es war, jahrelang diese Platte nur auf einer Liste zu führen: Hört sie einfach jetzt! Und fangt mit dem Höhepunkt an: „From A Silver Phial“!

So wie dieser gerade genannte swingende Tearjerker meinen Körper durchfuhr, so geschah es nur selten in 2017. Aber einmal ging es noch tiefer. Und obwohl Lana Del Rey auch in diesem Jahr eine hochtaugliche Platte herschenkte, „Lust For Life“, so war es dann doch ein älteres Stück, das wie ein geölter Blitz in mich eindrang und nicht mehr verließ. Vielleicht lag es an den Kopfhörern, vielleicht am sehr nah klingenden Gesang, den Lana in diesem Stück bietet, oder sind es die Worte des Textes, die meine Saiten zum Klingen brachten, aber plötzlich war ich ein „Brooklyn Baby“. Es war einer der besten Momente des Jahres.

Auf der Zielgeraden dieses Jahresrückblickes biege ich dann nach Süden ab und schaue in Italien vorbei. Auf der Suche nach weiterem musikalischen Material von Charles Hayward, den ich mit seiner wichtigsten Band, This Heat, in 2016 zu feiern lernte, stieß ich auf das 1989 veröffentlichte Album „Les Nouvelles Musiques de Chambre #2“, das sich Hayward mit dem italienischen Pianisten Gigi Masin teilte. Haywards Hälfte war eher milde interessant, doch dieser Gigi Masin war ein Volltreffer mit seiner minimalistischen Klaviermusik, die jedoch viel empathischen Raum ließ, genauso wie Tante Isa das liebt. Wolkentupfer. Einzelne Regentropfen. Kurze Vignetten, die viel Platz für ihre leisen Wellen einnehmen. Fundamental. Wer, wie ich daraufhin, mehr Gigi Masin erleben will, dem sei gesagt: So gut war er nie mehr, denn leider neigte Masin ansonsten gerne zu einer musikalischen Geschwätzigkeit. Besser war er noch auf „Wind“ (1986) und „The Wind Collector“ (1991).

In die Masin’sche Stille hinein platzt der gute, alte Wilson Pickett. Ein Soulsänger alter Schule mit großen Lungen, und großem Stilvermögen. Und einer gewissen Risikobereitschaft, denn als er 1968 im Studio auf den jungen, noch unbekannten Gitarristen Duane Allman traf und nicht nur mit diesem aufnahm, sondern auch noch dessen Anregung aufgriff, den gerade aktuellen Hit der Beatles, „Hey Jude“ zu covern: All das hätte schief gehen können. Tat es nicht! Weil Duane Allman ein genialer Gitarrist war, der klug zwischen Emotion, Technik und auch Ökonomie schalten konnte (leider nicht als Motorradfahrer, was ihn vier Jahre später das Leben kostete). Und weil Wilson Pickett an der genau richtigen Stelle die Bremsen löst und die Hörerin an den Schultern packt und wild schüttelt. Nahe an einer möglichen Marienerscheinung.

Diese Beschreibung einer Erscheinung paßt auch zum Abschluß dieses Rückblicks. Wieder in Italien. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich auf den italienischen Sänger oder auch Crooner, Fabrizio de André kam, und was mich bewegte, seine Musik auszutesten, aber es fühlte sich sofort gut an. De André besitzt eine tiefe, weiche Stimme, die auf den meist orchestral gehaltenen Stücken einhersegelt. Die Arrangements entsprechen dem Zeitgeist der beiden Platten, die ich auswählte: „Tutti Morrimo A Stento“ (1968) und „Storia Di Un Impiegato“ (1973). Fabrizio de Andre hätte in deutscher Zunge singend ein populärer, aber kritischer Schlagerbarde sein können. Vielleicht. Doch da gab es noch diesen Moment, als er mich mit seiner Musik niederschlug, ja, zu Boden brachte und der Gedanke „Was zum Teufel ist das denn? Booooaaahhh!“ durch meinen Kopf irrte (was nach Jahrzehnten intensiven Hörens nicht mehr sooooo häufig geschieht): Die Kombination aus jugendlichem Chor mit dem jetzt erzählenden De André in „Corale (Leggenda del Re Infelice), untermalt von dem auch hier schmeichelnden, orchestralem Schmelz, ist so ein ungewöhnliches Kunstwerk, das es mich aus dem Sattel hob und ich nur noch staunte.

Und Ihr so?

Auf jeden Fall wünsche ich Euch schon einmal ein super 2018 mit toller Musik, die Euch die Herzen höher schlagen läßt. Nicht vergessen: Wir haben die Musik, und sie ist ein großes Geschenk.

P.S. Im nächsten Jahr dann auch mal ein Blick auf Love A und Die Nerven.