(M)ein musikalischer Jahresrückblick

Wer kennt das nicht, zu Beginn eines jeden Jahres nimmt eins sich Dinge vor, von denen wir hoffen, dass wir ganze 12 Monate durchhalten. In 90% der Fälle ohne Erfolg.
Ich nahm mir vor 2017 weniger Schallplatten zu kaufen und auf weniger Konzerte zu gehen um meinen Geldbeutel etwas zu schonen. Doch zum Glück kam alles ganz anders.

Ich war auf so vielen Konzerten, wie in keinem Jahr zuvor und habe fast 80 Platten ein neues Zuhause in meinem Plattenschrank gegeben. Das Beste daran ist, dass ich nichts davon auch nur im Geringsten bereue.

Mein Konzertjahr 2017 in Zahlen:

 

15 Städte

37 Konzerte

4 Festivals

 

Wenn ich mir diese Zahlen anschaue, weiß ich selbst nicht einmal genau, wie ich das geschafft habe, aber ich finds super. Wichtig zu sagen wäre vielleicht auch, dass es nicht 37 verschiedene Bands waren, deren Konzerte ich besucht habe. Meine meist gesehene Band in diesem Jahr ist übrigens Karies.

11 Auftritte von den insgesamt 100 Konzerten der Bandgeschichte durfte ich miterleben. Darunter 4 Supportauftritte für Turbostaat & Beatsteaks, 1 Festivalauftritt auf dem Angst macht keinen Lärm, sowie 6 Konzerte. Habe ich das zu Beginn des Jahres kommen sehen? Hell no!

Alles fing damit an, dass ich mir letzten Dezember das Album „Es geht sich aus“ kaufte, von diesem Zeitpunkt an wurde meine Liebe zur Band erst ein Eigenläufer bevor sie sich dann schnell zu einem Perpetuum Mobile entwickelte. Nun, 12 Monate, 11 Auftritte, 1 Interview und ein Tattoo später sitze ich hier und schreibe diese Zeilen. Karies sind definitiv meine persönliche Band des Jahres.

Auf Platz 2 der „Bandcharts“ finden sich alte Bekannte: Turbostaat. Die 5 Husumer sind mehr als nur eine Band, sie sind eine Herzensangelegenheit. Jeder der 10 Auftritte, denen ich dieses Jahr beiwohnen durfte, war auf seine ganz eigene Art sehr besonders. Egal ob Köln, Hamburg, Berlin oder Kiel. Es waren immer Abenteuer. Auch wenn 10 Konzerte nicht gerade wenig sind, vermisse ich sie dennoch und hoffe, dass das neue Album 2018 „das Licht der Welt“ erblicken wird. Die Vorfreude ist riesig.

Platz 3 teilen sich zwei Bands, die kaum unterschiedlicher sein könnten, auch wenn beide in diesem Jahr neue Alben veröffentlicht haben. Love A & Beatsteaks. Beide Bands sah ich 5 Mal in diesem Jahr, beide Bands werde ich auch 2018 wiedersehen.

Die Beatsteaks, das werden einige von euch wissen, begleiten mich seit 12 Jahren musikalisch durch mein doch recht Chaotisches, aber herzliches Leben. Keine der Bands, die ich momentan intensiv verfolge, begleitet mich schon so lange, weshalb die Beatsteaks für immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen haben werden, auch wenn sich meine „Prioritäten“ mittlerweile verschoben haben.
Konzerte der Berliner Band haben eine ganz besondere Dynamik und Energie. Farin Urlaub sang einmal „Wie kannst du bei den Beatsteaks ruhig sitzenbleiben?“. Eine Aussage, die treffender kaum sein könnte. Es wird getanzt, gesprungen, gegrölt. Alle geben ihr Bestes und gehen bis an ihre Grenzen. Auf UND vor der Bühne. Band und Publikum haben eine ganz besondere Beziehung zueinander, der Funke springt spätestens beim 3. Akkord über und alle drehen durch. Zu recht. Ob nun die 3 „Festival-Aufwärm-Konzerte“ oder die Release-Show im Admiralspalast: Wenn selbst mein Papa singt und springt, weißt eins: Die Band hat ihren Status als beste Live Band Deutschlands nicht im Lotto gewonnen.

Love A sind längst nicht so bekannt, wie die Beatsteaks, was aber definitiv nicht an der Qualität ihrer Konzerte oder Musik liegt.
Love A sind schräg, laut & liebenswert. (Sagt der Bandname ja schon, oder?)
Ich kenne keinen Menschen, der so viel schwitzt, wie Sänger Jörkk, der nicht umsonst den Beinamen „Schwitze“ trägt. Zum Glück hindert dieser Umstand weder ihn, noch die Band, noch das Publikum daran, komplett durchzudrehen und aus tiefstem Herzen und tiefster Seele mitzugrölen. Love A stehen nicht nur für Punk oder Lärm, Love A stehen auf für Inbrunst und Leidenschaft. Für starke Texte und Meinungen. Für Haltung und Kontrollverlust. Jeder Mensch kann sich irgendwo in den Songs dieser Band wiederfinden, in ihnen untergehen oder sich von ihnen treiben lassen. Danke dafür!

Konzerthighlights

  1. Foo Fighers – Lollapalooza Berlin
  2. Karies – Café Tikolor, Erfurt (eigentlich könnten hier ALLE Karies Konzerte stehen)
  3. Gisbert zu Knyphausen – Clubhaus FC Union Berlin
  4. Turbostaat – Große Freiheit 36, Hamburg
  5. Love A – Festsaal Kreuzberg

Neuentdeckungen

2017 habe ich nicht nur Bands gefeiert, die ich schon seit längerer Zeit höre, sondern konnte auch neue Bands für mich entdecken. So etwas wie „zu viele Bands“ gibt es nicht. Irgendwo im Herzen findet sich immer noch ein Plätzchen, selbst wenn es vorher defragmentiert werden muss. Ein Hindernis, aber keine Hürde. Neue Bands für sich zu entdecken ist ein wenig wie sich selbst zu beschenken.
In diesem Jahr waren das für mich hauptsächlich Camp Cope, Gurr, Harry Styles, Levin goes Lightly, Schrottgrenze, Trümmer & Von Wegen Lisbeth

Und weil es noch schöner ist, andere Menschen, als sich selbst, zu beschenken, stelle ich euch meine Neuentdeckungen kurz vor:

  • Schrottgrenze – Nach über 10 Jahren haben Schrottgrenze im Januar ein neues und fabelhaft queeres Album veröffentlich. Die Vorab-Single „Sterne“ erschien bereits letztes Jahr im November. Doch ich stolperte erst im Januar darüber und fühlte mich direkt mit offenen Armen empfangen. Zum ersten Mal fand ich MICH mit meiner Geschlechtsidentität in einem Song erwähnt, anerkannt und ernst genommen. Das war ein sehr emotionaler Moment. Die Band spielte kurze Zeit später ein Plattenladenkonzert bei Dodo Beach in Berlin Schöneberg, wo meine Liebe zur Band und dem Album „Gitzer auf Beton“ seinen Anfang fand. Das Album thematisiert verschiedenste Faceetten und Schicksale der LGBTQI+ Community. Es ist ein Album, was mir viel Kraft gegeben hat.
    Im März traf ich Alex und Hauke vorm Konzert in Berlin zum Interview.
  • Von Wegen Lisbeth – Als ich im Februar Besuch von einer lieben Freundin hatte, hörte ich zum ersten Mal mehr von dieser Band, als ihren Namen. Zu diesem Zeitpunkt waren sie schon ziemlich gehyped. Aber so kenn ich das, immer ein wenig „late to the party“. Witzig-Kritische Texte und ausgefallene Instrumente machen vermutlich den Charm der Berliner aus. Inzwischen habe ich die Band 2 Mal Live erlebt und eine gute Zeit dabei.
  • Levin goes Lightly – Wenn mich in den letzten 2 Jahren etwas nicht mehr losgelassen hat, dann ist es die Stuttgarter Szene. Ja, klingt vielleicht erstmal merkwürdig, aber boi, ich sage euch: Da kommt noch einiges auf uns zu.

Aber immer der Reihe nach. Kennt ihr das? Ihr geht auf ein Konzert und seid von dem Support Act direkt begeistert? Genau so erging es mir im Mai als Levin goes Lightly im Lido für All diese Gewalt eröffnete. Ich hatte mich vorab schon einmal „reingehört“ aber erst beim Konzert sprang der Funke letztendlich über. Ruhiger als die Musik, die ich sonst häufiger höre, aber damit auch eine sehr willkommene Abwechslung. Levin goes Lightly berührt mich gerade dann, wenn es schon dunkel draußen ist, am meisten. Absolute Empfehlung!!

  • Gurr – Eine Band die ich eigentlich schon im September 2016 beim Angst macht keinen Lärm hätte Live sehen können. Aber es hat nicht sollen sein. Gurr sind Andreya und Laura, zwei absolute Powerfrauen, deren Bühnenpräsenz schlichtweg ergreifend ist. Aber nicht nur das. Sie selbst bezeichnen ihre Stilrichtung als „New Wave Girlcore“. Vereinfacht liest es sich in ihrer Twitter-Bio folgendermaßen „We make music for people with long hair but also short hair“ Was das jetzt bedeutet? Es bedeutet, dass die Songs so sehr unter die Haut gehen, dass einem nichts übrig bleibt, als dazu zu tanzen, mit dem Hintern zu wackeln und einfach eine gute Zeit zu haben. DAMN!
  • Trümmer – Eins kann Streamingdienste so sehr verteufeln, wie es will. Ich allerdings habe einer dieser namenhaften Plattformen und ihrer „Forever Punkrock“-Playlist viel zu verdanken. Nicht nur die Nerven, Karies & Co. habe ich auf diesem Weg für mich entdecken können, sondern auch die Band Trümmer. Einige Kritiken verorten die Band als der (neuen) Hamburger Schule zugehörig.
    Das Album Interzone fand nach meiner Entdeckung schnell einen Platz in meinem Plattenschrank. Die Band schafft es eingängige Melodien mit starken Texten zu verbinden. Absolut hörenswert. Die Band steht auf jeden Fall auf der Liste der Bands, die ich gern Live sehen will. Am liebsten natürlich so bald wie möglich.
  • Camp Cope – Wie es oft bei Neuentdeckungen der Fall ist, handelt es sich auch bei Camp Cope um eine Empfehlung aus dem Freundeskreis. Warum ich allerdings so lange brauchte, mir die Australische All-Female-Band genauer anzuhören, kann ich mir selbst nicht erklären. Das erste selbstbetitelte Album beschreibt überwiegend Situationen aus Alltag von Krankenhausangestellten. Starke Stimme, Starke Songs, Tolle Band.
  • Harry Styles – Ja, richtig gelesen. Harry Styles, vor allem bekannt durch die Boygroup One Direction, die weltweit die Teenieherzen hat höher schlagen lassen, hat in diesem Jahr sein Soloalbum veröffentlicht. Auf der selbstbetitelten

Platte bedient sich der Brite verschiedenster Stilrichtungen von ruhig bis rockig und kann damit eindeutig überzeugen. Auch diese Erkenntnis habe ich wieder meinem Freundeskreis zu verdanken. <3

 

Alben des Jahres (chronologisch nach Erscheinen)

 

  • Glitzer auf Beton: Wie eingangs schon erwähnt, haben mich Schrottgrenze zu Beginn des Jahres aufgefangen und bestärkt. Nicht nur der Song „Sterne“ ist in meinen Augen ein Meisterwerk und irgendwie auch Meilenstein. Nein, das ganze Album ist etwas von dem ich nicht wusste, wie sehr ich es eigentlich brauche.
  • Nichts ist Neu Love A haben mit „Nichts ist Neu“ das vermutlich beste Album diesen Jahres veröffentlicht. Ein absoluter Kracher, über den ihr hier in meiner Rezension mehr lesen könnt.
  • Ich vs. Wir – Kettcar: Ich war bisher eigentlich kein großer Kettcar-Fan. Ich habe diverse Male reingehört und es gibt keinen Hamburg-Aufenthalt, bei dem nicht an irgendeinem Punkt „Landungsbrücken raus“ lief. Als nun die Ankündigung für das neue Album kam, war ich dennoch vorfreudig. Und mein Gefühl behielt Recht. Ja, „Ich vs. Wir“ ist unglaublich politisch. aber in Zeiten wie diesen KANN und DARF Musik in meinen Augen auch gar nicht mehr unpolitisch sein oder sich als unpolitisch verkleiden. Große Klasse, Kettcar
  • Das Licht dieser Welt – Als Gisbert zu Knyphausen bei den 2 Konzerten im Januar ankündigte, bald wieder ins Studio zu gehen, um ein neues Album aufzunehmen, bin ich fast vor Freude geplatzt. Nach 7 Jahren, ich wiederhole SIEBEN Jahren, erschien am 21.10. endlich Gisberts neues (Solo-)Album, das auf den Namen „das Licht dieser Welt“ hört. Ich könnte nicht glücklicher sein. Es hat mich vom ersten Moment an berührt. Die Tatsache, dass Gisbert einen Song vollendet hat, den Nils noch zu Lebzeiten angefangen hatte zu schreiben, auf dem dessen Stimme am Ende zu hören ist, hat mich wirklich zu Tränen gerührt. Dieses Album ist definitiv mein ganz persönliches Highlight aus 2017.

 

Alles in Allem war 2017 musikalisch ein großartiges Jahr. Mein Dank geht raus an die Bands, die dieses Jahr besonders gemacht haben. An die Menschen, die mich zu Konzerten und Festivals begleitet haben. An die Menschen, die mir Musik empfohlen haben, die sich von meiner Euphorie haben anstecken lassen haben und natürlich an die Menschen, die diesen Blog und meine Tourabenteuer verfolgen.
Ich hoffe euer (musikalisches) Jahr war schön & wünsche euch viel Freude, Konzerte & Gute Laune für 2018! Keep on Rocking!!